Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

17.01.2015 06:37 (Kommentare: 0)

Heimat ist, wofür das Herz schlägt

Positive Gefühle für die Neustadt von Hoyerswerda zu entwickeln, ist schwer - wenn man nicht dort wohnt.

Vor ein paar Tagen wollte ich meine Vorurteile gegenüber Hoyerswerdas Neustadt hinterfragen. Ich wollte ein wenig Zeit dort verbringen und sie nicht nur auf dem Weg zum Einkaufen passieren. Um einen Ort wahrhaftig zu erleben, eignet sich ein trüber, windiger Wintertag eigentlich hervorragend: Wenn ich dem Ort an einem solchen Tag einen gewissen Charme abringen kann, dann kann ich dies wohl erst recht an einem schönen Sommertag.

Als ich erstmals nach Hoyerswerda kam, war ich sehr beeindruckt vom Marktplatz, dem Rathaus, dem Schloss und besonders von der Postmeilensäule. Sie erinnert uns daran, wie fern uns andere Städte wären, wenn wir dorthin per Postkutsche reisen müssten. Diese Plätze hatten, was ich vorzufinden erwartete. Sie hatten, was ich von deutschen Städten und Dörfern aus dem Fernsehen kannte. Trotz der Veränderungen der Jahrhunderte und der Weltkriegsbombardements ist der Kern vieler Stadtzentren weitgehend unverändert. Ich stand also oft auf dem Markt und versuchte mir vorzustellen, wie das Leben hier vor hunderten von Jahren aussah.

Die Kirchstraße mit ihren Läden, die einen gewissen Respekt für die Architektur der Häuser zeigen, bleibt mein Lieblingsplatz in der Stadt. Besuchern zeige ich natürlich immer auch die Lange Straße. Alle sagen, ein Spaziergang hier wäre wie ein Schritt in eine frühere Zeit. Nach einer kleinen Altstadt-Tour bringe ich Gäste meist ins Seenland. Oder wir fahren nach Dresden, Bautzen oder Görlitz. Die Neustadt dagegen ist nie Bestandteil meiner Tour.

Ich fürchte, beim Betreten der Neustadt fehlt mir ein Gruß der Nostalgie. Das Überqueren der Schwarzen Elster ist wie der Grenzübertritt in ein anderes Land. Schon der Umstand, dass der Elsterkanal in den 1930ern künstlich angelegt wurde, scheint ein Zeichen dafür, dass man eine irgendwie unnatürliche Welt erreicht. Es gibt weder individuelle Häuser noch alte Gebäude. Die irische Hauptstadt Dublin ist ebenfalls durch einen Fluss geteilt. Es herrschte von jeher eine gewisse Rivalität zwischen den Bewohnern der Nord- und der Südseite. Ich lebe jetzt lange genug in Hoyerswerda, um hier eine ähnliche Polarisierung festgestellt zu haben.

Um ehrlich zu sein: Manchmal fühle ich mich etwas schuldig, weil ich in der Altstadt lebe – als würde mich das privilegieren. Ich würde die Neustadt gern mögen, aber ich empfinde dort einfach keine Individualität und keinen Charakter. Sie ist eine Mixtur aus Asphalt, Ampelkreuzungen, Einkaufsmärkten mit Leuchtreklamen, hohen Betonblöcken und einzelnen Bäumchen. Als ich die Neustadt zum ersten Mal besuchte, war ich schockiert von ihrer Größe und Trostlosigkeit: Deutschland hat so viele geschichtsträchtige Städte, aber meine Frau musste ausgerechnet aus Hoyerswerda stammen! Wenigstens erlebte ich nicht die Zeit der größten Ausdehnung der Neustadt. Das muss der reinste Betondschungel gewesen sein.

Als ich jetzt eine Weile auf der Külzstraße verweilte, blickte ich über den leeren Platz, auf dem einmal die Wohnungen vieler Familien zu finden waren. Die verbleibende Haushälfte sah irgendwie nackt aus. Teils war ich froh über das Verschwinden eines Betonklotzes. Aber dann dachte ich an die Leute, die hier gelebt hatten. Diese Familien waren gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen. Ihre Hausgemeinschaften brachen auseinander. Es ist traurig genug, wenn man seine Wohnung aufgeben muss. Aber wenn man den Ort, an dem man aufgewachsen ist, gespielt und geschlafen hat, so ganz verschwinden sieht, muss das bleibende Spuren hinterlassen. Ich habe viele Geschichten von Betroffenen gehört und keiner von ihnen sah die Neustadt in so einem negativen Licht wie ich. Für sie bleibt sie der Ort ihrer goldenen Jugendzeit.

Ich habe als junger Mann elf Jahre in West-Belfast gelebt, in einem jener winzigen Reihenhäuser, die man zusammengepfercht Straße für Straße findet. Ich habe es dort geliebt! An vielen dieser Straßenzüge gab es inzwischen Abriss mit folgendem Neubau moderner Häuser. Doch meine Frau hat ein paar der alten Gebäude mit den immer gleichen asphaltierten Vier-Quadratmeter-Vorhöfen gesehen. Sie sagte mir, wie ungern sie an einem solchen Ort leben würde und dass selbst die Wohnungen in Hoyerswerda-Neustadt besser seien.

Wie könnte ich mir also anmaßen, das ideale Wohnumfeld beurteilen zu wollen? Nicht zuletzt: Großgeworden bin ich weit ab vom Schuss in einem alten Bauernhaus, umgeben von anderen kleinen Häuschen mit Tieren und deren Hinterlassenschaften. Für mich war das der Himmel auf Erden. Heute sind die Tiere meist verschwunden und die Häuser zerfallen nach und nach. Der Ort sieht armselig aus.

Ich glaube, die Neustadt kämpft mit einem ähnlichen Problem. Ihre goldenen Zeiten sind vorbei und sie quält sich damit, in ihre Zukunft zu finden. Ich hoffe, ihre Bewohner haben genug Energie, um die Herausforderung zu bestehen, diese Zukunft zu entwickeln. Je mehr von den großen, leeren Gebäuden fallen und je mehr der verbleibenden Gebäude modernisiert und freundlich-bunt gestrichen werden, umso mehr werden sich Fremde ich wie ich auch in der Neustadt zu Hause fühlen.

 

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