Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

08.11.2014 06:43 (Kommentare: 0)

Glückliche Schulzeit

Der Besuch der Stadtbibliothek Hoyerswerda ist nicht nur Schulkindern ans Herz zu legen.

Freudig überrascht war ich kürzlich, als mein Sohn mich bat, ihn zu einem Wandertag zu begleiten. Ich sollte bei einem Vormittagsausflug seiner Klasse 2a zur Brigitte-Reimann-Stadtbibliothek seine Lehrerin unterstützen. Während der letzten Monate hatte ich mich feige hinter meinem schlechten Deutsch versteckt und schulische Angelegenheiten lieber meiner Frau überlassen. Aber ich glaube, es ist an der Zeit, mein Versteck zu verlassen.

Einige weitere Eltern waren bereits da, um ebenfalls zu helfen und eigentlich wurde ich gar nicht so recht gebraucht. Aber da mein Sohn sich so auf seinen Papa gefreut hatte, ging ich mit. Es fühlte sich ein wenig merkwürdig an, so mitten in seinem Klassenzimmer zu stehen. Mein Vater kam niemals in meine Grundschule. Er war Bauer und alles, was die Erziehung der Kinder anbelangte, unterstand meiner Mutter. Aber auch sie hatte wenig mit der Schule zu tun. Ich erinnere mich nur an einziges Mal, das meine Mutter das Schulgebäude betrat – und das war mein erster Schultag. An diesem Tag hatte sie gar keine andere Wahl, als mitzukommen. Denn mein Zwillingsbruder und ich krallten uns weinend an ihre Hände. Wir beide hatten Angst vor Miss Brown, die für Ihre Strenge bekannt war. Genau diese Miss Brown war es dann auch, die unsere Hände an der Tür zum Klassenzimmer gewaltsam aus denen unserer Mutter löste – ein schrecklicher Moment, den ich nicht vergessen werde.

Zum Glück sind die meisten Erinnerungen an meine Schulzeit gute Erinnerungen und dank der „Grundschule am Park“ habe ich nun noch mehr davon. Los ging es also schließlich in die Neustadt zur Bibliothek – drei Eltern, eine Lehrerin und 24 Kinder. Es war eine einfache und doch auch großartige Idee: Die Neugierde der Kinder für die Bibliothek wecken, ihnen freie Mitgliedschaft bieten und darauf hoffen, dass sie immer wieder kommen. Bei den nächsten Bibliotheksbesuchen werden sie dann von den Eltern begleitet. Für viele von jenen liegt der letzte Besuch der Bücherei wahrscheinlich schon lange zurück.

Die traurige Realität ist, dass wir alle diese öffentlichen Angebote nicht als selbstverständlich sehen können. Deutschland mag zwar eine der reichsten Nationen Europas sein, dennoch bin ich mir bewusst, dass viele Hoyerswerdaer wegen des Bevölkerungsrückgangs um die Zukunft bangen. Nehmen wir zum Vergleich das gesamte Bibliotheksnetzwerk Nordirlands: Bibliotheken sterben dort regelrecht aus. Und die wenigen der glücklichen Überlebenden kämpfen mit immer kürzeren Öffnungszeiten. Aufgrund des hohen finanziellen Drucks auf öffentliche Einrichtungen sind Bibliotheken häufig schnelle Opfer für Kürzungen. Grund dafür ist die rückläufige Mitgliedschaft, verursacht durch die vielen mobilen Geräte, die das Internet als Informationsquelle jederzeit und überall abrufbar machen. In naher Zukunft werden wohl nur noch irische Großstädte über Bibliotheken verfügen. Ich hoffe, diese Entwicklung wird sich nicht eines Tages auch auf Hoyerswerda niederschlagen.

Bibliothekarin Heidelinde Stoermer verstand es großartig, unsere Kinder einerseits unterhaltend zu fesseln und andererseits die vielen verschiedenen Angebote der Bibliothek darzustellen. Sie erklärte den Kindern, dass man in Bibliotheken viele Geschichten finden kann, viele ganz traditionell in Büchern, andere über die moderneren Formen des Geschichtenerzählens. Es war erfrischend, die Kinder so bei der Sache zu sehen, wie sie so ruhig in der Gruppe dasaßen, fasziniert von der Geschichte, die ihnen von den farbigen Seiten eines Buches entgegen sprang. Ich jedoch war neugierig auf die Geschichte der Bibliothek selbst. Wenn ich es richtig verstanden habe, öffnete der Vorgänger der heutigen Stadtbibliothek 1949. Seitdem haben die Mitglieder sicher viele Geschichten gelesen und miteinander geteilt. Einige davon würde ich selbst gern hören.

Wir alle rüsteten um 10 Uhr zum Aufbruch – zu jener Zeit, zu der die Bibliothek ihre Türen für die Öffentlichkeit aufmacht. Ich war freudig überrascht zu sehen, dass sogleich viele Menschen eintraten, um weitere Geschichten zu lesen und miteinander zu teilen. Diese morgendliche „rush hour“ zeigt, dass die Bibliothek für die Hoyerswerdaer eine wichtige Sache zu sein scheint. Dafür möchte ich ihr gern einen irischen Segensspruch widmen: Mögen Ihre Mitglieder so zahlreich wie die Bücher in den Regalen sein!

Als wir zur Schule zurückkehrten – die Kinder mit ihren neuen Büchern und DVDs in den Taschen sowie mit ihren neuen, blau glänzenden Mitgliedskarten – hatte ich mich in meiner eigenen Geschichte und in Schulzeiterinnerungen verloren. Ich musste unweigerlich schmunzeln, als ich meinen Sohn mit seinen Freunden die Schultreppe hinaufhopsen sah – ganz ohne dass es notwendig gewesen wäre, seine Hand gewaltsam aus der meinen zu lösen.

 

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