Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

26.09.2015 06:09 (Kommentare: 0)

Geschichte unter meinen Füßen

Ein Besuch im Museum zum Lager Elsterhorst brachte jetzt überraschende Einsichten in die lokale Historie.

Als Kind vom Lande habe ich eine Menge Zeit auf Feldern verbracht. So kam ich oft mit Fundstücken nach Hause. Obwohl sie keinen historischen Wert hatten, fühlte es sich jedes Mal so an, als hätte ich einen Schatz entdeckt. Es handelte sich um Scherben von alten Tellern oder irgendwelche Metallteile. Einmal fand ich eine Keramikpfeife. Mein Grundschullehrer war so beeindruckt, dass er sie in seinem kleinen Schulmuseum ausstellte. Ein andermal stromerte ich durch einen Wald, in welchem einst US-Soldaten ihr Basislager hatten, und fand einen Deckel mit US-Stern. Ich erinnere mich, wie ich ihn stolz in meine Hosentasche steckte. Auf meinen Streifzügen dachte ich immer wieder darüber nach, wer wohl vor mir genau auf diesem Fleckchen Erde gestanden hatte. Was mochten das für Menschen gewesen sein? Wie sah ihr Alltag aus? Ich wurde dieser Tage wieder daran erinnert. 

Zu meinem 40. Geburtstag vor ein paar Jahren schenkte mir meine Familie einen Rundflug in einem kleinen Sportflieger. Als ich damals auf dem Flugplatz Nardt abhob, hatte ich keine Ahnung, dass die Wiese unter mir einmal ein Kriegsgefangenenlager war. Davon erfuhr ich erst vorige Woche, als der Kulturbund mich bat, beim Dolmetschen für einen Franzosen zu helfen. Philippe Guidee spricht kaum Deutsch, aber gut Englisch. Er war auf den Spuren seines Vaters Marcel Guidee unterwegs. Dieser verbrachte 1940 und 1941 mehr als ein Jahr im Gefangenenlager Elsterhorst. Ich traf seinen Sohn gemeinsam mit zwei engagierten Mitgliedern des Kulturbundes, Paula Strobel und Monika Weist. Ich erfuhr, dass auf dem heutigen Gelände der Feuerwehrschule noch ein Originalgebäude aus Lager-Zeiten steht, die einstige Krankenbaracke. Heute fungiert sie als Außenstelle des Stadtmuseums Hoyerswerda. 

Philippe ist 72 Jahre alt, rüstig und außerordentlich sympathisch. Sehr ruhig erzählte er uns, dass er 1942 geboren wurde. Ein Jahr zuvor war sein Vater aus der Gefangenschaft entlassen worden. Auch sein Onkel kämpfte im Zweiten Weltkrieg. Er wurde schon 1940 als vermisst gemeldet. Lange Zeit wusste die Familie nichts über sein Schicksal. Aus seiner prall gefüllten Mappe nahm Philippe einen Brief, in welchem seine Mutter seinem Vater, mitteilte, dass ihr Bruder im Krieg ums Leben gekommen war. Der Brief erreichte Marcel Guidee während seiner Gefangenschaft in Baracke Nummer 10 im Lager Elsterhorst. 

Schon Anfang des Jahres hatte ich gelernt, dass 1945 Hoyerswerdas katholischer Pfarrer Anton Kowalleck von einem sowjetischen Soldaten auf den Stufen des Pfarrhauses erschossen worden war. Im Lager-Museum begegnete er mir auf einem Foto wieder. Er muss beliebt gewesen sein. Rund 400 Gefangene besuchten seine täglichen Messen. An Sonntagen waren es 2 000. Es ist kaum vorstellbar, dass Nardt einst das größte kulturelle und bildungstechnische Zentrum der Region bildete. Die Gefangenen suchten nicht nur Halt im Glauben, sondern auch in Kultur und Bildung. Unter Leitung eines inhaftierten Professors gründeten Häftlinge die Lager-Universität Hoyerswerda. Marcel Guidee studierte hier Deutsch und Chemie. Außerdem herrschte im Lager ein reges kulturelles Leben. So gab es mehrere Theatergruppen und ein Orchester, das unter anderem Werke von Mozart und Schubert aufführte. 

Philippe zeigte uns weitere Schriftstücke aus seinem Ordner. Nach der Haft hatte sein Vater etwas über die Lagerbedingungen aufgeschrieben. Das Essen war karg und von schlechter Qualität. Zudem machte den Häftlingen der Winter mit Temperaturen von bis zu -25 ºC zu schaffen. Nach Kriegsende dienten die Baracken von Elsterhorst als Flüchtlingslager für Vertriebene. Auch Paula Strobel war eine von den 14 Millionen Menschen, die ihre Heimat in Osteuropa verlassen mussten. Bedenkt man, dass Deutschland damals, als das Land in Ruinen lag und Nahrungsmittel knapp waren, diese riesige Flüchtlingszahl zu bewältigen hatte, erscheint einem die aktuelle Flüchtlings-Diskussion dieser Tage vergleichsweise aufgeregt. 

Mein Treffen mit Philippe und den charmanten Damen vom Kulturbund hat mir eine ganz neue, faszinierende Welt geöffnet, von der ich bisher nichts wusste. Wahrscheinlich werde ich Phillipe nie wiedersehen. Aber während der zwei kurzen Stunden unserer Begegnung lernte ich ihn und auch ein wenig seinen Vater kennen. Ich erfuhr zudem etwas über die Lebensbedingungen der tausenden eng zusammengepferchten Gefangenen. Das alles passierte vor nicht einmal hundert Jahren unmittelbar an unserer Türschwelle. Ich bin jetzt sehr neugierig, was ich noch so alles bei Streifzügen über die Felder rund um Hoyerswerda entdecken werde.

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