Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

21.11.2015 06:50 (Kommentare: 0)

Fürchtet Euch nicht vor dem Wind!

Ein Erlebnis in der Kirche in Hoyerswerda lenkt die Gedanken nach Paris – aber auch ins einstmals von Gewalt traumatisierte Belfast.

Wie jeder andere Ire auch, liebe ich es, ausführlichst über das Wetter zu sprechen. Vor ein paar Tagen erst gab ich während eines Telefonats mit irischen Freunden damit an, wie toll doch das Wetter hier in Hoyerswerda sei. Es hat nicht funktioniert, denn auch sie hatten ungewöhnlich mildes Wetter. Eigentlich hatte ich gedacht: Während ich hier Mitte November im T-Shirt im Garten die Hecken verschneide, werden sie sich zu Hause sicher zum Schutz vor Wind und Regen in ihren Häusern verkriechen. Aber nein, auch einige meiner irischen Freunde waren dabei, draußen etwas verspätete Sommerbräune zu erhaschen.

Recht oft unterhalte ich mich mit den Leuten hier über die Extreme des deutschen Wetters und wie die Jahreszeiten sich nahezu über Nacht ändern können. Vorigen Samstag zum Beispiel waren die Straßen voller Rad fahrender Kinder. Andere spielten in kurzen Hosen auf der Wiese hinter dem Haus Fußball. Am Sonntag dagegen waren die Straßen wie leer gefegt. Ich sah nur ein paar Tapfere, die mit dem Wind um ihre Regenschirme kämpften.

Genau dieser Wind jagte mir am Sonntagmorgen einen ziemlichen Schrecken ein. Augenblicklich versetzte er mich gedanklich zurück in die finstersten Tage meines Lebens im Norden Irlands. Meine Familie und ich saßen in der Kirche, als der Gottesdienst sich dem Ende näherte. Vom Eingang her gab es plötzlich einen lauten Knall. Die Tür war zugeschlagen. Sogar Pfarrer Peter Paul Gregor blickte alarmiert auf. Ich sagte zu meiner Frau, dass ich für einen Augenblick dachte, ein paar der Finsterlinge vom Islamischen Staat wären hereingestürmt. Sie erwiderte erstaunt, sie habe exakt denselben Gedanken gehabt. Kein Wunder, denn der Horror von Paris dominierte schließlich die Gedanken der Anwesenden. In der Kirche wurde für die Opfer der Massenmorde gebetet, neben dem Altar stand die französische Fahne und nach der Messe wurden in stillem Gedenken Kerzen angezündet.

Am Abend der Anschläge schrieb ich im Internet, dass meine Kinder sicher schlafen und ich am nächsten Tag versuchen wollte, ihre Unschuld und ihre Fröhlichkeit zu schützen, indem ich vor ihnen nicht über die Massaker in der französischen Hauptstadt sprechen würde. Allerdings ist es fast unmöglich, sie vor diesen furchtbaren Dingen abzuschirmen. Es war richtig und sehr angemessen, in der Kirche für die Opfer zu beten. Bis dahin wussten unsere Kinder allerdings nichts von den Ereignissen. Zum Glück stellten sie auch hinterher nicht allzu viele Fragen dazu, sondern gingen rasch wieder zu ihrer eigenen Tagesordnung über.

Selbst war ich als Kind ganz gut abgeschirmt von den Gräueln unseres Konfliktes im Norden Irlands. Doch mit dem Heranwachsen wurden mir dessen Gefahren natürlich zunehmend bewusster. Diese Gefahren waren sehr real. War ich nachts zu Fuß auf der Straße unterwegs, beobachtete ich jedes Auto und jeden auf mich zukommenden Passanten mit Argwohn. Oft versteckte ich mich für einen Moment, bis die potenzielle Gefahr vorüber war. Das waren zwar tatsächlich extreme Vorkehrungen, aber wir lebten auch in extremen Zeiten: Ich hatte Freunde, die man erschoss, als sie nachts allein unterwegs waren. Und oft stürmten Bewaffnete die Kneipen, einfach, um so viele Menschen wie nur irgend möglich umzubringen.

Für einige Jahre arbeitete ich in Belfast im meistbombardierten Hotel der Welt. Das Europa-Hotel mitten im Stadtzentrum wurde während des gesamten Nordirlandkonflikts insgesamt 28-mal Ziel von Bombenangriffen. Für gewöhnlich gab es wöchentlich eine Bombendrohung. Wir, die einfachen Angestellten, mussten dann zwischen Stühlen und in den Toiletten nach Bomben suchen. Heute wäre so etwas kaum mehr vorstellbar und sicherlich auch nicht erlaubt, aber damals hielten wir es für normal. Die meisten Bombendrohungen erwiesen sich zum Glück als makabere Scherze. Während meiner Zeit im Europa- Hotel erlebte ich allerdings auch einen realen Bombenanschlag.

Ungefähr zehn Minuten, nachdem wir alle Hotelgäste aus dem Haus begleitet hatten, explodierte Sprengstoff und richtete so millionenschwere Schäden an. Zum Glück blieben alle unverletzt, aber das Hotel musste nach dem Anschlag für Monate geschlossen werden. Ausnahme war allerdings die Bar, in der ich arbeitete. Zwei Tage nach der Explosion öffneten wir wieder. Nur die Fensterscheiben in der Bar waren während der Attacke in die Brüche gegangen. Anstelle von Scheiben waren also Bretter in die Fenster genagelt, doch die Gäste ließen sich nicht schrecken.

So, wie auch ich, wussten die Hotelbesucher, dass von der übergroßen Mehrheit der Menschen keinerlei Gefahr ausging. Und diesen Umstand, der sich bis zum heutigen Tage nicht geändert hat, sollten wir niemals vergessen. Nach einem Sturm setzt bekanntlich immer die Stille ein, und der Karfreitag des Jahres 1998 brachte letztlich auch dem Norden Irlands endlich Frieden. Die Attacken von Paris geben einigen Leuten einen Vorwand, Flüchtlingen mit Argwohn zu begegnen. Doch die Menschen, die aus Syrien und anderen Ländern geflohen sind und die als Schutzsuchende zu uns kommen, haben ihre Länder begleitet von Furcht verlassen. Aber niemand sollte in Angst leben. Die Flüchtlinge sollten sich ebenso wenig vor uns fürchten wie wir uns vor ihnen.

Natürlich hat jeder, der hierherkommt, die Verantwortung, sich zu integrieren und die hiesige Kultur zu respektieren. Aber dazu brauchen die Menschen auch unsere Unterstützung. Wir haben letztlich nur wenig Einfluss auf sogenannte Weltführer, die denken, dass der Einsatz militärischer Mittel in anderen Ländern Probleme lösen kann. Wir können unsere Ängste aber bekämpfen, indem wir Andere mit Respekt und Verständnis behandeln.

Es war vorigen Sonntag nur Hoyerswerdas Wind, der uns schreckte. Auch in Irland wurde das milde Wetter inzwischen von wilden Stürmen abgelöst und ich kann fast von hier aus hören, wie daheim das alte Scheunentor mit Krachen zuschlägt.

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