Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

15.08.2015 09:41 (Kommentare: 0)

Friedens-Hauptstadt Hoyerswerda?

Eine verwegene Idee entwickelte sich nach einem Museums-Besuch in Frankreich.

Die Ferien waren toll. Nun sind sie fast vorüber. Auf unserer Rückreise von Irland nach Hoyerswerda verbrachten wir ein paar Tage in der Normandie. Und so dürftig meine Deutsch-Kenntnisse sind, so größer war mein Kampf mit der französischen Sprache. Ich erinnerte mich an ein paar Brocken aus dem Schulunterricht, die aber für eine wirkliche Unterhaltung bei Weitem nicht ausreichten.

Sie glauben nicht, wie sehr ich erschrak, als ich nach dem Tanken feststellte, dass ich nicht genügend Bargeld dabei hatte. Im Portemonnaie fand sich nur meine deutsche Bank-Karte, von der ich nicht sicher war, ob sie in Frankreich funktionieren würde. Der Verkäufer schob sie ins Kartenlesegerät, während sich hinter mir schon eine deutliche Warteschlange bildete. Ich war erfreut, dass die Maschine in deutscher Sprache durch die Transaktion führte. Mein Deutsch mag nicht perfekt sein, doch ich wusste: Die Worte „Bitte Karte entnehmen“ waren positiv.
Später sah ich mich gezwungen, meine Verbindungen nach Deutschland und ganz speziell jene nach Hoyerswerda zu verteidigen. Unsere Familie erfreute sich am Strand der Halbinsel Cotentin, wo am 6. Juli 1944 Soldaten der US-Armee an Land gingen, der Sommersonne. Ein älterer Herr steuerte ein Modellflugzeug durch die Lüfte. Unsere Kinder waren fasziniert und begannen ein Gespräch. Wie sich herausstellte, war der Mann Deutscher. Er fragte die Kinder, woher sie kommen und mein Sohn antwortete selbstbewusst, er sei sowohl irisch als auch deutsch: „Ich bin in Irland geboren, lebe aber in Hoyerswerda“, sagte er. „Oh, das berühmte Hoyerswerda“, antwortete der Mann. Der Kommentar ging mir den ganzen Tag nicht aus dem Kopf.

Leider hatte ich den Mann nicht gefragt, welchen Ruhm er denn genau meint. Vielleicht irrte ich mich ja. Vielleicht bezog er sich auf die Tagebaue, die erste industriell gefertigte Wohnstadt, das Lausitzer Seenland oder sogar den namhaften Irish Pub „Black Raven“? Aber wir alle denken wohl an den wahrscheinlichsten Bezug, die Gewalt im Herbst 1991. Ich erinnerte mich jedenfalls an eine Bemerkung ziemlich genau zwei Wochen zuvor in Killarney. Ich genoss dort in einem Pub ein gutes Guinness, als ein Mann neben mir mich wegen meines Akzents ansprach und fragte, aus welchem Teil Nordirlands ich stamme. Später meinte er: „Ist es nicht schön, dass Euer Krieg vorbei ist?“ Am liebsten hätte ich geantwortet, dass ich keinen Krieg angezettelt habe. Ist es nicht fürchterlich, dass Fremde dazu neigen, uns wegen der Gegend, aus der wir stammen, mit Ereignissen von dort zu verbinden?

Mit sehr großem Interesse habe ich mir das Weltkriegsmuseum in Sainte-Marie-du-Mont angesehen. Es bereitet Mühe, das Ausmaß der Invasion sowie des ganzen Krieges zu fassen. Und es scheint, als würden wir immer wenig aus der Sinnlosigkeit von Kriegen lernen. Der irische Krieg endete ebenso wie der bosnische gerade einmal vor zwanzig Jahren und der ukrainische Krieg ist weit von einer Befriedung entfernt. Im Zentrum solcher Konflikte stehen Fragen der Identität, des Landbesitzes sowie der Vorherrschaft von Religionen oder Kulturen. Und während die gegenwärtige Einwandererwelle aus Afrika Europas größte Herausforderung zu sein scheint, könnte Hoyerswerda Europa und dem Rest der Welt vielleicht etwas von seinen Erfahrungen vermitteln. Mir wurde zugetragen, dass es hier viele Menschen gab und noch gibt, die von der Vertreibung nach dem Verlust der deutschen Siedlungsgebiete im Osten betroffen sind. Als Ire habe ich bisher wenig über diese Perspektive gewusst.

US-Amerikaner und Briten haben meine Sicht geprägt. Leute im Westen wären sicher geschockt über das Leiden der deutschen Zivilbevölkerung im Krieg und danach, wenn sie diese Geschichten kennen würden. Ich vermute, dass das deutsche Volk noch immer vom Krieg traumatisiert ist und es deshalb vorzieht, die eigene Leidensgeschichte unerzählt zu lassen. Der Westen bietet auch nicht viel Gelegenheit dazu. Vor dem erwähnten Museum wehen viele Fahnen, eine deutsche fehlt aber.

Hoyerswerda wäre ein geeigneter Ort für eine neue Friedensinitiative mit unterschiedlichen Perspektiven. Die Stadt liegt zwischen den Supermächten Russland und USA sowie nahe an modernen Krisengebieten wie Irland, Bosnien und Ukraine. Wir könnten eine Friedenskonferenz in der Lausitzhalle organisieren, bei der jedes Jahr Repräsentanten aus vom Krieg zerrütteten Regionen ihre Geschichten teilen und neue Pfade erkunden. Den Vorsitz der Konferenz könnte ein Repräsentant der Frauenkirche übernehmen, Europas stärkstem Friedenssymbol. Die Konferenz könnte klein starten, mit sorgfältiger Planung internationale Aufmerksamkeit erregen und ein wichtiger Fixpunkt im Stadtleben werden. Frieden zu stiften ist einfacher gesagt als getan, aber es würde sich bestimmt lohnen, so einen Austausch zu beginnen. Vielleicht wird mein Sohn als Kind aus Deutschlands Friedenshauptstadt begrüßt, wenn er sich nächstes Mal als Hoyerswerdaer zu erkennen gibt. Wer weiß? Aus kleinen Eicheln wachsen bekanntlich stattliche Bäume.

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