Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

12.09.2015 03:31 (Kommentare: 0)

Es lebe das neue Bürgerzentrum!

Ein Plädoyer für angebliche Exzentriker und ein Aufruf an angebliche Normalbürger.

Warum sollten wir einem Haufen unbedeutender Spinner einen Millionen-Bau hinsetzen, damit sie und ihre Kumpel dort Veranstaltungen organisieren und Feten feiern können? So sprach man über eine Gruppe in Belfast, zu der ich gehörte, die ein irisches Sprach-, Kunst- und Kulturzentrum gründete. Es behauptet sich inzwischen sehr erfolgreich. Ich hörte von ähnlicher Kritik bezüglich der KulturFabrik und des neuen Bürgerzentrums am Markt. Aber jeder, mit dem ich sprach, äußerte sich sehr positiv über die Arbeit der KuFa und das Gebäude. Es ist ein wundervoller Bau für alle Hoyerswerdaer. Seine Botschaft ist der Glaube an die Zukunft der Stadt, eine Hoffnung, die wir alle nötig haben.

Ich habe keine Ahnung, wie verbreitet, begründet oder unbegründet die Ablehnung gegenüber der KuFa ist. Ich würde sie auch nicht zu ernst nehmen. Jede Stadt, jedes Dorf, sogar jeder Verein hat diese Leute, die vom Grundsatz her negativ gegenüber Neuem eingestellt sind. In Irland gibt es die Schlimmsten dieser Sorte. Gibt es einmal keinen Streit, ist irgendetwas schief gelaufen. Der irische Autor Brandan Behan (1923-1964) witzte: „Wir haben eben ein Komitee gegründet, lasst uns nun dessen Auseinanderbrechen organisieren!“ Iren sind eine Nation von Neidern und haben eine Tendenz, Leute zu stürzen, sobald sie erfolgreich sind. Kritik gegen bestimmte Initiativen kann begründet sein. Oft gibt es die Furcht, dass nicht genügend Geld für andere Projekte bleibt. Es ist aber auch einfach, etwas nicht zu mögen, was man noch nicht probiert hat. Viele von denen, die die KuFa nicht unterstützen, waren sicher noch nie bei einem ihrer Projekte.

Ich für meinen Teil wurde von der KulturFabrik einst als Fremder herzlich begrüßt und fühle mich bis heute willkommen. Die KuFa ist der kulturelle Puls der Stadt, ihr Ziel innovative kulturelle Ausdrucksformen anzubieten. Ohne sie wären wir hier ärmer. Es gibt viele Ansichten dazu, was Kultur bedeutet. Für mich ist sie der soziale Leim, der Leute zusammenhält. Trotz meiner starken und hilfreichen Familie fühlte ich mich in Hoyerswerda zunächst etwas einsam. Die KuFa hat diese Lücke geschlossen. Sie gab mir ein Zugehörigkeitsgefühl, Vorfreude auf schöne Veranstaltungen und Menschen, mit denen ich meine Erfahrungen teilen konnte. Es gibt sicher viele Leute wie mich, die auf diese Art von der KuFa profitieren könnten.

Tagsüber ist Hoyerswerda ein geschäftiges Städtchen, aber abends sind Straßen, Kneipen und Restaurants mehr oder weniger leer. Dass das auch an den Wochenenden so ist, finde ich überraschend und auch etwas alarmierend. Wie viele besonders ältere Menschen sitzen wohl allein zu Hause und haben nur den Fernseher zur Gesellschaft? Heraus mit Euch! Unterstützt Kneipen und Gaststätten und kommt ins neue Bürgerzentrum! Weit entfernt davon, ein elitärer Club sein zu wollen, versucht die KuFa nun dort, so viele Leute wie möglich einzubeziehen. Besuchen Sie also die vielen Veranstaltungen oder gründen Sie einfach Ihren eigenen Kurs! Das neue Haus bedeutet die Möglichkeit für Neuanfänge sowie für Zusammenarbeit. Die KuFa-Leute stehen nun unter dem Druck, die Sache zum Laufen zu bringen. Der Erfolg hängt auch davon ab, wie viele Leute mitmachen.

Das Bürgerzentrum ist natürlich nicht der einzige kulturelle Hort der Stadt. Aber es ist einzigartig. Sein Programm von der Natz-Arbeit für Kinder bis zur Senioren-Theatergruppe ist ein Spiegel des Lebens in der Stadt. Sowohl bei jüngeren als auch bei älteren Leuten spüre ich oft die Sorge, wie Hoyerswerda auf die Herausforderungen reagiert, die mit Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung einhergehen. Auch ich als jemand, der sich entschieden hat, hier eine Familie aufwachsen zu lassen, habe diese Sorge. Ich wäre verloren ohne LausitzbadBibliothek und KuFa. Das sind meine Top drei. LausitzhalleZooKino und Musikschule sind natürlich auch wichtig, nicht zu vergessen die Kurse in der Volkshochschule oder in der Zuse-Akademie. Wir sollten die Angebote schützen, indem wir sie auch benutzen. Jedes einzelne ist ein wichtiges Zahnrad im städtischen Getriebe. Der amerikanische Autor Norman Mailer (1923-2007) sagte, Kultur sei große Risiken wert; „Ohne sie wären wir alle totalitäre Bestien!“ Also lasst uns die angeblichen unbedeutenden Exzentriker pflegen! Es gibt jedenfalls wichtiger Dinge zum Streiten, zum Beispiel: Warum gibt es in den Läden schon in der ersten Septemberwoche Weihnachts-Stollen?

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