Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

09.05.2015 06:21 (Kommentare: 0)

Entschleunigung mit Stachelbeeren

Das Alter hat ebenso viele Freuden wie die Jugend. Es sind allerdings andere.

Eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen betrifft einen Stachelbeerstrauch voller saftiger Beeren. Er wuchs gut tausend Meter von unserem Haus entfernt in einer Hecke rund um eine Weide. Viele Sommer lang habe ich mich an dem Strauch bedient. Wahrscheinlich gibt es ihn sogar noch. Als ich mich jüngst daran erinnerte, fühlte ich mich plötzlich alt. Ich dachte daran, wie mein Vater von seinem Stuhl aufstand, sich langsam aufrichtete und seine Knie dabei knackten wie Holz im Kamin: „Sohn, Altern ist nichts für Feiglinge.“ Während meiner Kindheit waren alte Menschen also Leute mit grauem Haar, eingeschränkter Beweglichkeit, einem Bierbauch und Falten im Gesicht. Das machte mir keine Sorgen. Denn es war etwas, was noch weit in der Zukunft lag.

Mit großem Tatendrang erreichte ich das Jugendalter und fand es aufregend, nun wie ein Erwachsener behandelt zu werden. Aber so schnell diese Zeit kam, so rasch war sie auch schon wieder vorüber. Noch rascher war ich Anfang zwanzig, heiratete, hatte Kinder und war mit der Verantwortung eines Kredites belastet. Die Jahre ab dreißig verbrachte ich damit, mit einer gescheiterten Ehe zurecht zu kommen und neue Fähigkeiten auszuprobieren. Weil ich wieder Junggeselle war, hatte ich neue Energie. Ich dachte, ich könne alles erreichen und versuchte neue Karrierepfade, manche davon gleichzeitig. Das führte mich zum Schauspiel und brachte mir ein wöchentliches Programm im nationalen Radio. Zudem begann ich, Fernsehprogramme zu produzieren. Der übervolle Terminkalender begleitete mich bis in meine Vierziger. Gleichzeitig trat eine neue Frau in mein Leben, die ich später heiratete.

Als ich sie traf, hatte ich keine Ahnung, dass ich zu meinen beiden Töchtern einmal drei weitere Kinder haben würde. Aber noch weit weniger dachte ich daran, eines Tages im Herzen eines Landstrichs zu leben, der einmal die DDR war. Die erste Zeit in Hoyerswerda war hektisch. Jeden Monat flog ich nach Hause, um mich um meine Fernsehproduktionen zu kümmern und blieb mindestens für eine Woche. Das waren zwei extreme Leben in einem, die sich auf Dauer nicht leben ließen. Spätestens mit der Geburt meines jüngsten Sohnes im Januar dieses Jahres war es Zeit für einen festen Ort zum Leben und Geldverdienen. Schon seit September bin ich in Teilzeit Englisch-Lehrer und führe ein wesentlich ruhigeres Leben als zuvor. Der enorme Stress, als Unternehmer eine Firma zu führen und dauernd hinter einem Lenkrad zu sitzen, ist weg.

Ich freue mich am langsameren Lebenstempo. Und seit der Frühling Einzug gehalten hat, beobachte ich viele Rentner bei der Gartenarbeit. Die meisten Gärten sind so ordentlich, dass man direkt vom akkurat gestutzten Rasen essen könnte. Die Farbenvielfalt der Blumen und die Auswahl der Gartenaccesoires sind bemerkenswert. Zunächst dachte ich, Hoyerswerdas Senioren würden ihre Gärtnerei, typisch deutsch, etwas zu ernst nehmen. Doch je mehr ich diesen Aktivisten zusehe, umso mehr fällt mir auf, wie glücklich sie die kreative Arbeit im Freien macht.

Beim Einkauf in einem der Supermärkte hier erspähte ich vorige Woche preisgünstige Obstgehölze. Als ich einen Stachelbeerstrauch entdeckte, führte mich das gedanklich in meine Kindertage zurück. Ich musste ihn einfach  haben. Also wurde er gekauft und im Garten eingepflanzt. Sorgfältig suchte ich nach einem guten Platz dafür. Jeden Tag gehe ich nun nach draußen, um nach dem Strauch zu sehen. Ich kann es kaum erwarten, dass er beginnt, Früchte zu tragen. Als ich das bemerkte, dachte ich: „Oh nein, nun bist Du auch so ein Garten-Rentner geworden. Du wirst alt!“ Doch dann habe ich mich im Spiegel betrachtet und war beruhigt: Noch habe ich nicht alle Merkmale eines alten Menschen. Ja, da sind ein Bierbauch und graue Haare. Aber in meinem Gesicht ist definitiv noch Platz für mehr Falten. Wenn Altern heißt, Zeit im eigenen Garten zu verbringen und dort wachsende Früchte zu essen, ist es vielleicht gar nicht so schlecht. Aber für einen Mann mit Mitte vierzig ist das wirkliche Alter wohl noch weit entfernt. Bis dahin habe ich noch eine Menge Stachelbeeren zu naschen. Vielleicht finde ich auch welche in der freien Natur, solange ich noch selbst laufen kann.

 

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