Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

11.10.2014 02:42 (Kommentare: 0)

Einmal Schwarzkollm und zurück

Vom Leben auf dem Lande

Alte Bauernhöfe faszinieren mich und ich frage mich oft, was sich früher hinter den Mauern der Hoyerswerdaer Altstadt verbarg. Es fällt schwer, sich städtisches und ländliches Leben unmittelbar nebeneinander vorzustellen. Aber so scheint es gewesen zu sein und so ist es teils noch heute. An einem meiner ersten Tage hier ging ich morgens in den Garten und traute meinen Augen kaum: Da gab es doch tatsächlich Hühner im Garten der Nachbarn! Zuerst dachte ich, sie seien aus dem Zoo entwischt. Die Hühner brachten Kindheitserinnerungen an mein Leben auf dem Lande in Irland zurück

Solche Erinnerungen hatte ich auch bei einem Familienausflug zum Hoffest in Schwarzkollm. Schon kurz hinter Bröthen musste ich das Auto stoppen. Ein unerwartetes Bild bot sich: Eine Gruppe von Frauen, Männern und Kindern war beim Kartoffellesen - ganz traditionell mit der Hand in Körbe!! So etwas hatte ich Jahrzehnte nicht mehr gesehen. In Irland wird längst nicht mehr so gearbeitet. Junge Leute sind zu faul oder zu schlau, um Kartoffeln zu lesen. Und die EU hat verrückte Bestimmungen, die verhindern, dass Kinder einen Arbeitstag erleben können. Im Alter von zehn blieben mein Bruder und ich der Schule öfter mal einen Tag fern, um Kartoffeln zu lesen. Die Bildung auf dem Acker schien uns wertvoller als die im Klassenzimmer. Zudem verdienten wir 25 Pence je 50-Kilo-Sack. Und wir füllten gemeinsam oft mehr als 20 Säcke am Tag!!

In Schwarzkollm pulsierte das Landleben. Es gab Schafe, Kühe, Geflügel, hausgemachte Lebensmittel, allerlei Handwerks- und Handarbeiten sowie eine bezaubernde Traktorenparade. Einige Traktoren waren fast 70 Jahre alt und dem Massey Ferguson 35 ähnlich, auf dem ich das Fahren lernte. Aber das für mich Faszinierende lag hinter den Hofmauern, besonders bei einem Hof, der sich seit seinem Bau nicht verändert zu haben scheint. Hier gab es auch einen randvoll gefüllten Heuboden. Ich hätte dort den ganzen Tag sitzen und mich am Duft des Hofes und der Eierkuchen freuen können.

Zwei Männer trugen ein Lied nach dem anderen vor und boten sogar eine zweisprachige Version des irischen Klassikers „The wild rover“. Wussten die, dass ich da sein würde?? Obwohl sie ihr bestes gaben, waren sie bald von den „Guggenmusik Krawazi Ramblers“ übertönt. Ich freute mich zu hören, dass die mehr als 20 Bandmitglieder die Reise vom Schwarzwald unternommen hatten, um hier ein aus Schwarzkollm stammendes Mitglied zu unterstützen. Alle wurden von den Dorfbewohnern untergebracht und beköstigt. So war das auch bei uns zu Hause und so sollte das auch sein: In der Erntezeit sollten alle zusammen anpacken und dann zusammen feiern!

Auch die Kühe, die ich in Schwazkollm sah, ließen mich schmunzeln. Ich erinnerte mich, wie wir sommers unsere 40 Kühe durch die Straßen der nächsten Kleinstadt trieben. Es war Hauptverkehrszeit und die Kühe brachten alles zum Erliegen. Mein Bruder und ich versuchten, sie zu bändigen. Dennoch gelang es einer Kuh, sich an ein Auto zu schieben. Sie hob ihren Schwanz und ließ einen mächtigen Fladen in den Schoß des Fahrers fallen, bevor dieser Zeit hatte, die Scheibe hochzukurbeln. Ich bin der Kuh schnell hinterhergerannt. Zum Glück war es dem schwerbeladenen Fahrer nicht möglich, uns zu folgen.

Ich frage mich, wie viele Menschen aus Hoyerswerda oder Schwarzkollm heute in einem anderen Land leben und was für Dinge ihnen begegnen, die sie an zu Hause erinnern? Wäre es nicht großartig, wenn wir unserer Städte und Dörfer nicht verlassen müssten, um anderswo Arbeit zu finden?? Wie gut wäre es, Traditionen lebendig zu halten und Familien nicht zu trennen. Was wird aus den kleinen Fleischereien, den Korbflechtern, Töpfern und Imkern, wenn die nächste Generation irgendwo weit weit weg über einen Computer mit den Dagebliebenen kommuniziert?

Der irische Literatur-Nobelpreisträger Seamus Heaney (1939 - 2013) pries in einem Gedicht seines Vaters Fähigkeiten, beim Kartoffeln ausgraben mit dem Spaten umzugehen. Aber er sagte auch, dass er ihm so nicht folgen wird. Der Stift sei sein Spaten. Denn über die alte Traditionen zu schreiben, ist auch ein Weg, sie am Leben zu halten. Bauernhöfe für Besucher zu öffnen, wie in Schwarzkollm, ist ein anderer.

Auch ich würde gern Traditionen wiederbeleben. Doch soll ich hinter meinen Mauern in Hoyerswerda einen kleinen Hof eröffnen? Ich weiß nicht recht. Was, wenn die Gänse von den Stufen unserer Wohnung im zweiten Stock abstürzen?


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