Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

14.02.2015 04:15 (Kommentare: 0)

Ein zweiter Blick auf die Neustadt

Ein Spaziergang und eine Reihe von Gesprächen lessen mir den östlichen Teil Hoyerswerdas verständlicher werden.

Eine im Englischen sehr gebräuchliche Redewendung sagt, Unwissenheit sei ein Segen. Das trifft aber nicht immer zu. Vor vier Wochen habe ich hier meine Eindrücke über Hoyerswerdas Neustadt niedergeschrieben. Ich erhielt unglaublich viele Rückmeldungen, mit denen mir Leute zeigen wollten, dass meine oberflächlichen Impressionen sich nicht mit den ihren decken. Die Neustadt bedeutet sehr vielen Leuten sehr viel. Dieser Ort war für Jahrzehnte das Zuhause für tausende Menschen. Aus diesem Grunde birgt er unzählbare, wundervolle Erinnerungen. Eigentlich wollte ich nur ausdrücken, dass die Neustadt für mich optisch nicht sehr attraktiv ist. Das hat aber dazu geführt, dass ich von vielen Seiten auf einige wichtige Fakten aufmerksam gemacht worden bin. Und weil sich so viele Menschen bemüht haben, mir ihre Ansichten mitzuteilen, soll es heute hier noch einmal um die Hoyerswerdaer Neustadt gehen.

Begleitet von einem in der Neustadt aufgewachsenen Freund habe ich mir das Wohngebiet nahe dem Lausitz-Center jetzt ein wenig genauer angesehen. Er erklärte mir, dass die Neustadt nach den modernen Siedlungs-Prinzipien der 1933 beschlossenen „Charta von Athen“ konzipiert wurde. Ich erfuhr, dass man hier zwar den großen Bedarf an Wohnraum decken, aber gleichzeitig einen hohen Lebensstandard sicherstellen wollte. Wir spazierten durch den WK I, der von 1957 bis 1964 erbaut wurde. Ich wusste bis dahin nicht, dass jeder Wohnkomplex seine eigene kleine Ladengruppe hatte, in der die Bewohner nur einen kurzen Fußmarsch von ihren Wohnungen entfernt alles kaufen konnten, was sie für den täglichen Bedarf brauchten. Obwohl die meisten dieser Geschäfte heute keine mehr sind, ist es gut zu sehen, dass einige davon neu genutzt werden.

Überrascht war ich auch von den vielen großen Bäumen im Park im WK I. Sie sehen beinahe so aus, als stünden sie schon seit Generationen dort. Mich beeindruckte die Ruhe, die der Ort ausstrahlte. Paradoxerweise grüßten mich auf dem Heimweg in der Altstadt die Geräusche von Kettensägen, die das gesamte Gelände der früheren Juri-Gagarin-Schule seines schönen Bewuchses beraubten. Dieser Ort ähnelt nun eher der Mondoberfläche. Ich dachte: „Was für eine Schande!“ Ich hatte bisher geglaubt, Deutschland sei das europäische Land mit den strengsten Gesetzen bezüglich des Fällens von Bäumen. So war ich versucht, mich mit einem Plakat um den Hals an einen der letzten verbliebenen Bäume zu ketten. Aber wer würde schon einen Mann ernst nehmen, der von einer Insel stammt, auf der es nahezu keine Bäume mehr gibt? Schuld daran sind natürlich die Engländer! Sie holzten unsere einst üppigen Wälder ab, um aus den Bäumen ihre legendäre Flotte zu bauen.

Bisher war ich mir nicht bewusst, dass die Neustadt für die ganze DDR eine wichtige Rolle als eine Art städtebauliches Labor spielte. Allein die Vorstellung, dass eine Stadt von 7 000 Menschen binnen kurzer Zeit auf mehr als 70 000 Einwohner wächst und sich dann wieder auf 30 000 reduziert, ist fesselnd. Die Neustadt hat in den letzten Jahrzehnten viele Veränderungen überlebt. Und das ist schon etwas, worauf man stolz sein kann. Ich sollte meine nächsten Gäste also auch einmal in die Neustadt führen und von ihrer Geschichte erzählen. Bei meinem letzten Neustadt-Besuch nahm ich an einer geführten Brigitte-Reimann-Tour teil. Wir waren in einer authentisch möblierten Wohnung. Sie ist identisch mit jener, in der die Schriftstellerin einst lebte. Die Leidenschaft des Kunstvereins für die berühmte Neustädterin ist so groß, dass man uns auch hinter (!) ihr tatsächliches Wohnhaus führte, um einen Blick auf die Fenster ihrer einstigen Wohnung anbieten zu können. Die eindrucksvolle Zahl von 30 Teilnehmern war für diesen Brigitte-Reimann-Spaziergang zu verzeichnen, der, wie TAGEBLATT-Leser wissen, mehrfach im Jahr stattfindet. Wir hörten Episoden aus dem Leben von Brigitte Reimann, erfuhren, wie sie sich für die Neustadt einsetzte. Und wie das beim guten, alten Geschichtenerzählen so ist: Sicher hat so manche Geschichte über die Jahre eine gewisse Eigendynamik bekommen, ist über sich hinaus gewachsen.

Man kann sagen: Ich bin froh, mich gegenüber der Neustadt kritisch geäußert zu haben. Denn ich habe dadurch angeregt so viele Geschichten gehört, die mir sonst entgangen wären. Eine Frau erzählte mir zum Beispiel, dass sie bis 1974 in einer recht schrecklichen Wohnung in Meißen lebte. Als sie nach Hoyerswerda-Neustadt umzog, änderte sich ihr Leben schlagartig positiv. Plötzlich hatte sie eine neue Wohnung mit Bad, Balkon, Zentralheizung und vielen neuen, jungen Freunden und Nachbarn. Für sie war das neue Zuhause voller Leben und Abwechslung. Eine andere Frau berichtete mir, dass sie seit 1959 in der Neustadt lebt und das sie es nicht in Erwägung zieht, irgendwo anders zu wohnen.

Und wer weiß: Wenn die Kettensägen ihr Baum-Massaker in der Altstadt nicht bald beenden, dann muss ich für mich sowie die nun obdachlosen Eichhörnchen und Vögel wohl ein kleines Natur-Reservat in der Neustadt gründen.

 

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