Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

18.07.2015 10:15 (Kommentare: 0)

Ein Urlaubsgruß von der grünen Insel

TAGEBLATT-Kolumnist Philip Campbell ist mit seiner Familie derzeit in Irland.

Wenn man längere Zeit nicht in der Heimat war, baut sich in den Wochen bis zum Reiseantritt eine große Spannung auf. Für meine Familie ist es eine Seltenheit, gemeinsam ganze fünf Wochen lang einen Urlaub verleben zu können. Doch während ich mich unheimlich darauf freute, ins heimische Irland zu verreisen, war mir gleichzeitig bewusst, dass ich so die Höhepunkte des Sommers in Deutschland verpassen würde. An einem warmen Tag ist es einfach großartig, an einen der Seen nahe Hoyerswerda zu fahren, im Spreewald eine Bootstour zu unternehmen oder zum Abendessen vor einem Dresdener Restaurant zu sitzen, ohne zu frieren. Denn es gibt zwar viele Attraktionen in Irland, aber das Wetter gehört nicht dazu. Daran wurden wir bei der Ankunft sofort erinnert.

Ich wusste zwar, was uns erwartete und doch war es eine Enttäuschung. Als wir mit unseren drei Kindern Hoyerswerda im Auto verließen, waren die Temperaturen drauf und dran, für den heißesten Tag des Jahres zu sorgen. Wir fuhren quer durch Deutschland, Belgien sowie Frankreich und hielten abends immer für ein Nachtlager an. Bevor wir die Fähre von Cherbourg nach Rosslare bestiegen, zelteten wir auf einem Campingplatz nahe jenem Strand, an dem am 6. Juni 1944 in Booten US-Truppen eintrafen, um in den Zweiten Weltkrieg einzugreifen. Das Wetter war fantastisch und es war sehr schwer, sich den Horror vorzustellen, der sich dort vor 71 Jahren abspielte, während die Menschen sich nun einfach am Sonnenschein erfreuten.

Für die Kinder war es ein Abenteuer, auf der Fähre zu übernachten. Als wir uns morgens der irischen Küste näherten, eilten sie an Deck, um einen ersten Blick auf Irland zu erhaschen. Zu sehen war aber nur Nebel. Ich sagte ihnen, dass Irland das Land der Mythen und Legenden sei und der Nebel eigens für uns einen magischen Willkommensgruß bereithielt. Hatten wir tags zuvor also klaren Himmel und 34 Grad Celsius, waren es nun gerade magere 17 Grad. Aber egal, wir waren in Irland! Die grünen Hügel und die keltischen Ruinen würden den Kindern genug Beschäftigung bieten.

Zu Beginn war es kein Problem, mit dem Auto auf der linken Straßenseite zu fahren. Aber ein wenig ungewohnt war es schon, mit dem Lenkrad so dicht an den Hecken am Straßenrand zu sein. Dennoch bewältigte ich den ganzen Weg ohne Schwierigkeiten. Doch drei Kilometer von unserem Haus entfernt hielten wir kurz, um Freunde zu besuchen. Nach einer Stunde saß ich wieder am Steuer und fuhr den Weg ins Dorf hinein tatsächlich einen vollen Kilometer lang auf der falschen Seite. Zum Glück begegnete uns nur ein anderes Auto. Dessen Fahrer gestikulierte genauso verärgert wie ich, bis ich verblüfft feststellte, dass die Sache ja meine Schuld war. Diesen Fehler mache ich kein zweites Mal!

Für die Kinder war abgesehen vom Spiel mit Cousins und Cousinen das größte Abenteuer der Besuch des Titanic-Museums in Belfast. Es war nicht unsere erste Visite dort. Schon am 2. April 2012 standen wir an jener Stelle, an der die Titanic exakt hundert Jahre zuvor zu Wasser gelassen wurde. Ich finde aber, dass man Irland am besten genießen kann, wenn man seine Städte meidet. Die ländlichen Regionen mit einzigartigen Bergen, Seen und atemberaubenden Wanderwegen sind einfach wunderschön. Zwar haben einige Städte viel Charakter. Aber letztlich sind sie eben doch nur Städte wie alle Städte.

Wir alle genießen hier eine entspannende Zeit. Aber in die Heimat zu kommen, hieß auch, zu sehen, dass alte Feinde immer noch Feinde sind. Sofern jemand im Sommer Irland besuchen möchte, sollte er am 12. Juli Belfast tunlichst meiden. In der immer noch geteilten Stadt marschieren dann Protestanten, um die Katholiken daran zu erinnern, dass ihre Vorfahren im Jahr 1690 in der Schlacht am Boyne unterlegen sind. Die treuesten Anhänger der britischen Krone haben eben ein sehr gutes Erinnerungsvermögen. Doch die jährliche Feier des Hasses bringt immer Spannungen, die sich oft in Gewalt entladen. So gab es auch in den letzten Tagen wieder Zusammenstöße zwischen Protestanten und Katholiken. Ich bin sehr stolz auf meine Heimat und auch auf ihre turbulente Geschichte. Aber die Engstirnigkeit und Erbitterung einiger ihrer Bewohner macht mich einfach nur traurig.

Trotzdem: Eine Reise nach Irland kann ich nur empfehlen. Wir werden gleich die Ruhestätte des sagenumwobenen Recken Fionn mac Cumhaill besuchen. Der Körper des Riesen ist auf den Gipfeln der Cooley Mountains gebettet. Von den Mourne Mountains gegenüber lässt sich das gut erkennen. Zwischen die beiden Bergketten schiebt sich die Irische See. Gar kein Vergleich zur flachen Lausitz rund um Hoyerswerda! Die Kinder werden mich wieder bitten, ihnen von den Abenteuern Fionn mac Cumhaills zu erzählen und davon, wie er seine Feinde in die Flucht schlug. Nach einer Wanderung mit Blick aufs Meer werden wir uns wohl am Hafen von An Caisleán Nua (Newcastle) mit Fish & Chips belohnen. Zugegeben: Das traditionelle Rezept ist englisch. Aber Kartoffeln und Fisch werden ganz und gar aus Irland stammen.

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