Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

28.02.2015 15:42 (Kommentare: 0)

Ein Loblied auf das Seenland-Klinikum

Eigene Erfahrungen führen zu der Überzeugung, dass die Hoyerswerdaer medizinisch in guten Händen sind.

Die offizielle Version einer Geschichte kann oft weit entfernt von der Wahrheit sein. Ich benutze das Wort „offiziell“ mit Vorsicht, weil man dem, was man liest, nicht immer Glauben schenken kann. Das hatte bereits mein berühmter Landsmann Oscar Wilde erkannt: „In früheren Zeiten bediente man sich der Folter, heute bedient man sich der Presse. Das ist gewiss ein Fortschritt. Aber es ist auch ein großes Übel; es schädigt und demoralisiert uns.“ Vor einigen Wochen hörte ich viele Leute heftig über einen Artikel im „Spiegel“ diskutieren, in dem über Hoyerswerda berichtet wurde. Ich habe mir schnell eine Kopie besorgt und auch mich haben Grundton und Inhalt des Artikels verstört.

Zum einen ging es um die ausländerfeindlichen Vorfälle vor 24 Jahren, zum anderen um die nur vordergründig unter dem Ausländer-Aspekt betrachtete wirtschaftliche Entwicklung des Klinikums. Kurz zusammengefasst stellt die Reporterin dar, dass Hoyerswerda noch immer unter den Ausschreitungen von 1991 leide. Hoyerswerda sei kein gastfreundlicher Ort. Für das Klinikum sei es darum schwer, Ärzte zu gewinnen. Keiner wolle hierher. Letztlich seien es meist Doktoren anderer Nationen, die kommen, weil sie Arbeit brauchen. Für mich schwer zu glauben.

Das Ganze erinnert mich daran, wie wir in Nordirland jahrzehntelang dargestellt wurden. Für die Außenwelt war es ein Religionskrieg zwischen Katholiken und Protestanten. Die ganze Wahrheit ist das nicht. Tatsächlich spielte sich hier ein Krieg ab zwischen den Anhängern der britischen Krone und zwischen denen, die der britischen Besetzung Irlands ein Ende bereiten wollen. Religion spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle. Ich bin mit ebenso vielen protestantischen wie mit katholischen Nachbarn aufgewachsen und wir haben uns immer respektiert. In den fünf Jahren, in denen ich in Hoyerswerda bin, habe ich Rassismus nicht als ein großes Thema empfunden und mir scheint auch das Krankenhaus ganz guter Gesundheit zu sein.

Genau in den Tagen, in denen jener umstrittene Artikel publiziert wurde, verbrachte ich eine Menge Zeit im Klinikum. Für knapp zwei Wochen, in denen sich meine Frau von der Geburt unseres Sohnes erholte, wurde es so etwas wie mein zweites Zuhause. Die medizinische Ausstattung ist exzellent und das Personal war herausragend. Allen voran müsste man der Hebamme meiner Frau einen Orden verleihen! Die Art und Weise, wie sie ihre Arbeit strukturiert, habe ich so noch niemals irgendwo gesehen. Sie betreut eine große Anzahl werdender Mütter, die ihr völlig vertrauen. Sie begleitet sie individuell bis zur Entbindung und danach – egal, wie lange es dauert. Bei der Entbindung meiner Frau stand sie zuvor fast zwei volle Tage im Kreißsaal und begleitete nach nur kurzer Pause bereits die nächsten Geburten.

Eine erstaunliche Tatsache war auch, dass die Gynäkologin, die meine Frau ebenfalls hervorragend betreute, einen stärkeren irischen Akzent hatte als ich selbst. Man sagt, der beste Weg, die Qualität eines Krankenhauses einzuschätzen, sei es, die Notaufnahme zu besuchen. In den besagten zwei Wochen habe ich also die Notaufnahme mehrmals täglich auf dem Weg zur Wochenbettstation passiert und nur ein einziges Mal beobachtete ich eine lange Warteschlange, die sich nur mühsam verkleinerte. In Irland (sowohl im Norden als auch im Süden) haben die Notaufnahmen große Mühe, mit dem Andrang zurechtzukommen. Die Menschen liegen oft stundenlang auf Kankenliegen in den Fluren. Meinem Vater erging es ähnlich. Er war schon sehr alt, als er sich die Hüfte brach. Man setzte ihn eine ganze Woche lang auf eine „Notfallliste“. Was für ein Wort! Entweder es ist ein dringender Notfall oder eben nicht. Nicht so in Irland!

Im Herbst musste ich mit einem stark geschwollenen Zeh hier selbst die Notaufnahme besuchen. Ich hatte mich auf stundenlanges Warten eingestellt. Nach nur zehn Minuten wurde ich von einem Arzt untersucht und anschließend zum Röntgen geschickt. Dort ging alles so schnell, dass in der Zeit, die ich benötigte, um zurück zur Notaufnahme zu laufen, das Bild meines Fußes schneller war als mein Fuß.

Meine Klinikums-Erlebnisse haben in mir auch wieder einige Kindheitserinnerungen geweckt. Damals war ich fasziniert von Hubschraubern. Britische Militärhubschrauber drehten häufig ihre Runden. Einmal landete einer in einem unserer Felder. Ich konnte kaum glauben, wie das winzige Ding vom Himmel uns so nahe kam und groß wurde. Als ich das Klinikum am Abend des Geburtstages unseres Sohnes verließ, vernahm ich freudig das immer lauter werdende Dröhnen eines Hubschraubers, der über mich hinwegflog und auf dem Klinikdach landete. Ich bin mir nicht sicher, ob man einen Patienten einflog oder ob es sich um einen Salut zur ersten Geburt eines Campbell in Hoyerswerda handelte. Ungeachtet dessen, was andere sagen, finde ich: Hoyerswerda ist ein guter Ort, um Kinder in die Welt zu bringen. Eine Herausforderung für Hoyerswerdas Krankenhaus sehe ich darin, den guten Standard zu halten. Lang lebe das Klinikum!!

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