Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

04.07.2015 07:22 (Kommentare: 0)

Ein Besuch auf dem Mars

Touren in den Tagebau sind sehr beeindruckende Unternehmungen.

Schon bald werde ich wieder einmal in Irland sein. Abgesehen davon, dass mich die vertraute Landschaft und der Regen begrüßen werden, werde ich Familie und Freunden wieder viele Fragen beantworten müssen. Viele kann ich voraussehen, weil ich sie jedes Mal gestellt bekomme. Also: Wie lebt es sich in Deutschland? Sind die Leute freundlich? Ist das Wetter gut? Wie ist das Essen? Wirst Du zurück kommen, um wieder in Irland zu leben? Die meisten Antworten sind positiv: Ja, die Leute sind sehr freundlich und das Wetter meist viel besser als in Irland. Das Leben in Deutschland ist nicht wie das Leben zu Hause, aber es ist deutlich gesünder. Hier trinkt man nicht so viel, man feiert weniger wild und im Großen und Ganzen ist das Leben in Deutschland viel ruhiger.Wobei letzteres in meinem Fall wohl mehr mit meinem Alter als mit meinem Lebensort zu tun hat.

Für die Antwort auf eine der Fragen muss ich mir aber etwas mehr Zeit nehmen. Das ist die Frage, ob Hoyerswerda und die Lausitz meiner Heimatgegend in Nordirland irgendwie ähnlich sind. Nein, der Unterschied könnte kaum größer sein. Eine Erfahrung, die ich vor ein paar Tagen gemacht habe, soll das illustrieren. Zwei meiner Englisch-Schüler in einem Kurs bei Vattenfall organisierten für mich eine Tour im Tagebau Welzow-Süd. Wir trafen uns morgens um acht und ich dachte, die Sache werde etwa so eine Stunde dauern. Doch vor Mittag waren wir nicht zurück. Ich hatte vorher schon viel über die Braunkohle-Industrie gehört und ich bin ein großer Fan der Seen, die aus früheren Tagebauen entstanden sind. Aber auf das, was ich in Welzow-Süd gezeigt bekam, war ich nicht gefasst.

Zuerst hielten wir an einem Aussichtspunkt und die Weite des Fördergebietes unter mir war atemberaubend. Aber so richtig bewusst wurde mir das Ausmaß des Tagebaus erst, als wir im Geländewagen hinunter fuhren. Das Förderband, auf dem der Abraum von einer Seite der Grube auf die andere transportiert wird, schien sich meilenweit hinzuziehen. Wir folgten ihm, bis es im Absetzer endete und der Sand mit schaukelnden Bewegungen  über die gesamte Länge eines Tales verteilt wurde, das sich am Fuß neu geschaffener Sandberge erstreckte.  Für mich war kaum nachvollziehbar, wie selbst so eine große Maschine so ein enormes Gebiet gleichmäßiger künstlicher Berge schaffen kann.

Unser nächster Halt war das Kohleflöz selbst und obwohl die große Förderbrücke gerade nicht in Aktion war, erstaunte sie mich. Sie ist so riesig, dass es kein Wunder ist, dass Wartung und Reparaturen Monate dauern. Man war sehr geschäftig, um die Brücke in der letzten Instandhaltungswoche wieder für den Einsatz herzurichten. Auch der Bagger mit seinen massiven Saurier-Zähnen genehmigte sich für die nötigen Überholungen eine Pause. Aber was mich am meisten beeindruckte, war das Alter des Maschinenparks. Obwohl die Geräte in den 1970ern und noch früher gebaut worden sind, funktionieren sie noch. Das sagt viel über die Ingenieurskunst in der DDR. 

Als wir den Tagebau verließen, schaute ich mich noch einmal um, um seine Ausdehnung begreifen zu können. Ich dachte an den Mars, obwohl ich natürlich noch nie auf dem Mars gewesen bin. Das war aber der einzige Vergleich, der mir zu passen schien. Ich hatte so etwas wie diesen Tagebau nie zuvor gesehen und weil die Öffentlichkeit nicht so häufig dort hinunter kommt, fühlte ich mich sehr privilegiert. Ich glaube aber nicht, dass ich an so einem Ort arbeiten könnte. Ich stelle mir das eintönig und bedrückend vor. Irgendwie tat es mir für meine beiden Reiseführer fast leid, dass sie ihre Arbeitszeit meist damit verbringen müssen, die Maschinen auf Fehler hin zu untersuchen. Mir wird schon flau, wenn ich von einem Balkon herabschaue. Wie groß wäre meine Furcht erst, wenn ich auf die Spitze einer dieser Maschinen zu klettern hätte? Gar nicht davon zu reden, dort Stunden für eine Inspektion zuzubringen! Die zwei Männer sind wirklich sehr mutige Leute. 

Auf dem Rückweg erwähnte einer der beiden, dass der Ort Proschim, durch den wir gerade fuhren, durch die Erweiterung des Tagebaus in zehn Jahren wahrscheinlich nicht mehr existieren wird. Ich wusste zwar, dass Orte auf diese Weise verschwunden sind. Ich war aber noch nie durch einen gefahren, den das einmal betreffen könnte. Ich fragte, ob die Bewohner protestieren und man sagte mir, dass die meisten es akzeptieren. Viele Leute in dieser Gegend arbeiten eben selbst für die Braunkohle-Industrie und verstehen ihre Notwendigkeiten. Aber es war trotzdem traurig, sich die schönen Ziegelhäuser, die Kirche, die übervollen Kirschbäume und die kleinen Gärten in dem Wissen anzusehen, dass sie so sterblich sind wie wir selbst.

Also: Ja, Hoyerswerda und seine Umgebung haben der Welt etwas sehr seltenes anzubieten. Ich bin sehr froh, dass mir die Gelegenheit gegeben wurde, diese Erfahrung zu machen. Das nächste Mal, wenn mich zu Hause jemand fragt, ob die Lausitz etwas hat, was Irland nicht hat, erzähle ich also bestimmt von den Braunkohlegruben. Ich habe sie sogar an die Spitze meiner Liste von Sehenswürdigkeiten für die Besuche von Freunden in Hoyerswerda gesetzt. Ich werde sie auf eine Tour zum Mars mitnehmen. Hoffentlich aber behandelt mich niemand wie einen Außerirdischen, wenn ich jetzt meine irische Heimat besuche.

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