Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

03.01.2015 06:49 (Kommentare: 0)

Diese verzwickten Neujahrs-Vorsätze!

"Was bedeutet schon ein weiteres Jahr" - oder: von der Stimme des gewesenen und des neuen Zeitabschnitts.

Ich bin nicht sicher, ob ich mir die Mühe machen sollte, für dieses Jahr gute Vorsätze zu fassen. Mein Ziel für das Jahr 2014 war, die Vorsätze von 2013 zu erfüllen. Das hätte ich aber bereits 2012 machen sollen, weil ich mir schon 2011 selbst das Versprechen gegeben hatte, die Vorsätze von 2010 in die Tat umzusetzen. Manche Dinge ändern sich einfach nie. Wie die meisten Leute nehme ich meine guten Vorsätze nicht allzu wichtig. Der irische Sänger Jonny Logan gewann schon 1980 den Eurovisons- Song-Contest mit dem Lied: „Sure what’s another year?“ Auf Deutsch: Was bedeutet schon ein weiteres Jahr?

Vielleicht wäre es das Beste, einmal etwas anderes zu probieren. Ich werde mir etwas Kleines vornehmen, das ich auch tatsächlich erreichen kann. Rückblickend auf 2014 gab es viele gute Dinge, andere waren sehr schwierig. Aber man kann das über jedes Jahr sagen. Wie immer bin ich in den gleichen Trott verfallen. Ich habe mich über viele Dinge gesorgt. Die meisten davon entzogen sich aber meiner Kontrolle. Und wie es immer ist, sind auch 2014 die schlechten Zeiten vorübergegangen.

In diesem Jahr nehme ich mir also vor, mir einfach nicht so viele Sorgen zu machen. Denn ob man ihnen mit einem Lächeln oder mit Furcht und Verbitterung begegnet, bleiben die zugrunde liegenden Tatsachen doch dieselben. Zudem hoffe ich, meine Fassung nicht so rasch wegen trivialer Dinge zu verlieren, anders als etwa der Mann, auf den meine Frau erst diese Woche traf. Sie hatte das Auto kurzzeitig vor seiner Ausfahrt geparkt. Wegen des Schnees hatte sie sie nicht als solche wahrgenommen. Sie war nur wenige Minuten weg, aber als sie wieder zurück kam, stand der Hausbesitzer vor Wut kochend auf der Straße, um ihr mitzuteilen, wie furchtbar dumm sie wäre, vor seiner Ausfahrt zu parken. Wiederholte Entschuldigungen konnten den Mann nicht besänftigen. Zornig ging er wieder in sein Haus. Paradoxerweise hatte er gar nicht vor, mit dem Auto wegzufahren!!! Meine Frau hatte ihm also eigentlich gar nicht den Weg versperrt.

Ich sage mir immer, dass es in Hoyerswerda nicht mehr verbiesterte Menschen gibt als anderswo. Unter den Beamten, die unsere Ausweise an deutschen Flughäfen kontrollieren, sind sie zum Beispiel besonders stark vertreten. Kurz vor Weihnachten bin ich noch einmal nach Irland geflogen, um meine Familie zu besuchen. In Schönefeld blickte ich in die gleichen sauertöpfischen Gesichter wie immer, während mir die Kontrolleure in Dublin mit einem freundlichen Lächeln Frohe Weihnachten wünschten. Ihre kleine Kontrollbox war, anders als die der Deutschen, weihnachtlich geschmückt. Ich fühlte mich willkommen. Als ich aber nach Berlin zurückkehrte, erwartete mich das gleiche finstere Gesicht wie bei meinem Hinflug. Ich wünschte dem Beamten dennoch lächelnd „Frohe Weihnachten“ und war überrascht, als er meine Wünsche erwiderte und ihm dabei sogar ein halbes Lächeln gelang. Es gibt also noch Hoffnung!

Damit stand mein Neujahrsvorsatz fest. Ich werde versuchen, jeden Tag dann zu lächeln, wenn ich auf Verbitterung treffe. Belanglose Dinge sollten nicht für Ärger sorgen. Es wird mich also nicht mehr stören, dass meine Frau nie ihr Telefon finden kann, wenn es klingelt. Es wird mich auch nicht mehr ärgern, wenn mir die Waschmaschine ständig weniger Socken zurückgibt, als ich hineingeworfen habe. Ich werde auch aufhören, darüber nachzusinnen, warum die guten Hoyerswerdaer so häufig ihre Autos waschen – obwohl sie gar nicht schmutzig sind. Jedes Mal wenn ich zum Tanken fahre, steht dort eine Schlange sauberer Autos vor der Waschanlage. Unser Auto bleibt mit Sicherheit auch 2015 eines der schmutzigsten in der Stadt.

Ich höre auch auf, verstehen zu wollen, warum hier so viele Menschen ständig einkaufen müssen. Immer mehr neue Einkaufsmärkte entstehen und die Parkplätze sind immer voll. Ich höre auf, mich zu fragen, wie viele neue Läden wir noch brauchen, bis die Leute des Einkaufens überdrüssig sind. Und auch einem weiteren großen Mysterium werde ich nicht mehr auf den Grund gehen wollen: Warum fahren in Hoyerswerda so viele Leute bei Schnee und Eis mit dem Fahrrad? Ich habe das noch nirgends sonst gesehen.

Aber trotz der kleinen Hoyerswerdaer Merkwürdigkeiten muss ich zugeben, dass ich hier ein sehr friedliches und ruhiges Weihnachtsfest mit meiner Familie verlebt habe. Es war sehr schön und erfüllend. So möchte ich mein Leben in diesem Jahr gern fortsetzen. Ich habe keine großen Erwartungen oder Pläne. Folglich sollte es auch keine großen Enttäuschungen geben! Der große Poet T.S. Elliot (1888 - 1965) schrieb über gute Neujahrs-Vorsätze: „Die Worte des vergangenen Jahres gehören zur Sprache des vergangenen Jahres und die Worte des neuen Jahres warten auf eine neue Stimme.“ In weniger als zwei Wochen erwarten wir unser drittes Kind. Das wird unsere neue Stimme sein und kein noch so guter Vorsatz kann mit diesem Zauber mithalten.

 

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