Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

24.10.2015 01:13 (Kommentare: 0)

Die Welt ist grün

Vor ein paar Tagen gab es in Hoyerswerdas Irish Pub einen Freuden-Ausbruch. Schuld war daran der Fußball.

Wo waren Sie am 8. Oktober, als Irlands Fußballer den Weltmeister bezwangen? Der Versuchung, das Thema auszuschlachten, kann ich einfach nicht widerstehen. Es ist sozusagen auch meine patriotische Pflicht. Außerdem handelt es sich um ein wirklich historisches Ereignis! Ich weiß, mittlerweile ist die Sache Schnee von gestern. Aber alte Geschichten sind bekanntlich die besten.

Niemals werde ich den 16. August 1977 vergessen, den Tag als mein großes Idol Elvis starb. Ich erinnere mich auch, wie ich drei Jahre später vor dem Fernseher am Kamin saß, während über die Ermordung von John Lennon berichtet wurde. Und als die IRA am 31. August 1994 ihren historischen Waffenstillstand verkündete, zog ich gerade in ein neues Haus. Meine liebste Erinnerung ist aber jene an den Sommer 1990. Ich war in Spanien im Urlaub, als der irische Torhüter Paki Bonner einen rumänischen Elfmeter hielt und Irland sich so für das Viertelfinale der Fußball-WM qualifizierte.

Den denkwürdigen Abend vor zwei Wochen verbrachte ich mit Freunden im Irish Pub „Black Raven“ in der Hoyerswerdaer Neustadt. Aus deutscher Sicht war das Spiel nicht so bedeutsam. Der deutschen Mannschaft fehlte schließlich bloß ein Pünktlein für die Qualifikation zur Europameisterschaft. Der Pub war also nur mäßig gefüllt. Für Irland war das Spiel dagegen wichtig. Also waren auch alle hier lebenden Iren anwesend. Wir konnten aber trotzdem keinen Fanblock bilden. Manchmal ist es nicht ganz so einfach, der einzige Ire in der Stadt zu sein!

Im Gälischen gibt es ein schönes Sprichwort: „An te nach bhfuil láidir ní fólair dó bheith glic.“ Das heißt: „Wer nicht stark genug ist, muss schlau sein.“ So war es auch im Stadion in Dublin. Wenn man eines der international kleinsten Teams ist und man es im eigenen Land mit dem mächtigen Weltmeister zu tun hat, kann man keinen schönen Fußball spielen! Das Klügste ist dann, den Ball so weit wie möglich in Richtung des gegnerischen Netzes zu befördern und zu beten, dass er nah genug an einem eigenen Spieler landet, der dann möglichst nicht vor Aufregung über seine Füße stolpert. Obwohl das alles so gewesen ist, war das Ergebnis ein wunderschönes Tor. Es war blankes Glück. Keiner hatte erwartet, dass Irland gewinnen würde. Ich auch nicht. Einem Freund versprach ich vorher einen Whisky für den Fall, dass die irische Elf ein Tor schießen würde. „Und wenn Irland gewinnt?“, wollte er wissen. Meine unbedachte Antwort: „Dann gebe ich der ganzen Stadt einen Whisky aus!“

Zu Hause feierten in der Nacht Tausende auf den Straßen jeder irischen Stadt und jedes irischen Dorfes. Sie sangen, tanzten und tranken, als wäre der Gewinn der Weltmeisterschaft zu zelebrieren. Ein Teil von mir wäre gern dabei gewesen. Aber ich hätte nur ein weiteres Gesicht in einer großen Menschenmenge sein können. Hier war ich der einzige Sieger und ich hatte einen Vorteil: Die Iren daheim konnten nicht in die verstörten Gesichter der deutschen Fans lächeln.

Auch meine Kinder waren sehr aufgeregt, dass Deutschland gegen Irland spielen würde und enttäuscht, dass sie vorher ins Bett mussten. Sie wollten wissen, wie sie erfahren würden, dass Irland gewonnen hat, falls sie nachts zur Toilette müssten. Ich versprach, im Fall dieses Wunders meinen grünen Pullover an die Schlafzimmertür zu hängen. Als ich aber nach Hause kam, war ich so glücklich, dass ich für die Kinder die ganze Wohnung in Grün-Weiß-Grün dekorierte.

Sie waren begeistert, sprachen mit ihren Freunden in Kindergarten und Schule über die Sache. Als ich sie am Nachmittag abholte, sagte mein Sohn, die Eltern eines Freundes hätten gemeint, weil ich aus Nordirland bin, wäre ich technisch gesehen Brite. Und: Weil Nordirland sich zum ersten Mal für die EM qualifiziert hat, sollte ich doch eigentlich darüber froh sein. Auf dem Heimweg versuchte ich, meinem Sohn eine Geschichtsstunde über die Komplexität des irischen Fußballs zu geben. Ich denke, er hat es verstanden. Denn er meinte, wenn Großbritannien nicht bereit sei, die sechs nördlichen Landkreise an Irland zurückzugeben, sollten wir den Briten sechs Landkreise klauen und sie nur im Tausch wieder herausrücken.

In vielen Jahren werde ich meinen Sohn vielleicht daran erinnern, dass ich einen berühmten irischen Sieg in Hoyerswerda gefeiert habe. Hoffentlich habe ich dann vergessen, dass er mir vorgeschlagen hat, bei den Briten einzumarschieren. Und hoffentlich haben die Hoyerswerdaer dann vergessen, dass ich ihnen allen einen Whisky schulde.

 

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