Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

20.06.2015 06:20 (Kommentare: 0)

Bleiben Sie doch einfach im Seenland!

Wer hier wohnt, muss im Urlaub nicht unbedingt nach Mallorca oder an die Ostsee.

Mit Urlaub, Grillfeten, Eiscreme und dem Geruch frisch gemähten Grases ist der Sommer für mich die schönste Zeit des Jahres. Und aus Gesprächen mit anderen weiß ich, dass ich damit nicht allein bin. In Hoyerswerda ist der Sommer in vollem Gange, der Winter scheint vergessen. Die Sommerromantik trübt nur etwas der strenge Geruch, der sich nach einer reichlichen Spargelmahlzeit auf der Toilette verbreitet. Nur wenig lässt sich aber mit der Vorfreude der Kinder auf das langersehnte Schuljahresende vergleichen. Schon in drei Wochen beginnen die Sommerferien.

Und während die Tage meist sonnig und warm sind, es überall grünt und blüht, scheint jeder in Hoyerswerda darüber zu sprechen, wohin es in den Urlaub geht. Ich will nicht behaupten, dass ich eine traurige Kindheit gehabt hätte. Sie war voller Abenteuer. Aber wir sind nicht oft in den Urlaub gefahren. Auf dem elterlichen Bauernhof gab es zu viele Verpflichtungen. Viele Arbeiten dort schienen aber aufregender als eine Reise. Ich habe meinen Kindern oft von meinem jährlichen Glanzlicht während meiner Schulzeit erzählt. Jedes Mal bettelten sie, ich möge ihnen doch auch so eine aufregende Erfahrung ermöglichen. Das ist aber leichter gesagt als getan.

Wenn für uns damals die Ferien begannen, konnten wir das Heumachen kaum erwarten. Alles hing vom Wetter ab. Sobald mein Vater entschied, dass es drei Tage trocken bleiben würde, wurde das Schnittwerkzeug vorbereitet und das Mähen begann. Am nächsten Tag um die Mittagszeit wurde das Heu zum Trocknen gewendet. Das wiederholte sich am Abend. Tags darauf schnürte man die Ballen, was der Beginn des Abenteuers war.

Ein Traktor mit Hänger und die Nachbarn erschienen, um das Heu in die Scheune zu bringen. Wir Jungs waren gerade stark genug, um die ersten Ballen aufzuladen. Wenn sie sich dann höher türmten, konnten wir nur noch zusehen. Manchmal durften wir aber den Traktor über das Feld fahren. War das Aufladen beendet, sah die Fuhre für uns wie ein riesiges Haus aus. Wir durften hinauf klettern und für die fünf Kilometer lange Fahrt vom Feld in die Scheune auf dem Heu sitzenbleiben. Bis heute kann ich mir kein besseres Gefühl denken. Die Welt zog unter mir vorbei, während wir nach Hause fuhren.

Wir hatten so viel Heu, dass wir zwei volle Tage brauchten, um auch alles in die Scheune zu bringen. Nun suche ich in der Umgebung von Hoyerswerda eine Landwirtschaft, die noch traditionell kantige Heuballen schnürt, um meinen Kindern das zeigen zu können. Bisher war meine Suche allerdings erfolglos. Man braucht aber auch nicht unbedingt fröhliche Landarbeit, um zu Hause einen wundervollen Sommer verbringen zu können.

Die Gegend um Hoyerswerda hat so viel zu bieten! Ich verstehe wirklich nicht, was viele Deutsche so an der Ostsee fasziniert. Bestimmt jeder Dritte, mit dem ich spreche, will in diesem Sommer dorthin. An der Ostsee sind die Strände aber voller Leute, die Gegend ist teuer und mit Ausnahme von Meerwasser gibt es wenig zu sehen. Bleiben Sie also zu Hause! Es gibt genügend Wasser auch in den Seen rund um Hoyerswerda. An einem heißen Tag ist es in Geierswalde oder Lohsa mit all den Sonnenanbetern und Ballspielern am Strand doch auch nicht anders als auf Mallorca!

Da die meisten Iren früher wenig Geld hatten, konnten sich nur Reiche jedes Jahr eine Urlaubsreise leisten. Ich glaube aber, das hat sich inzwischen geändert. Für uns jedoch war es wegen der Arbeit auf unserem Hof einst nicht leicht, für lange Zeit wegzufahren. Meine Mutter sorgte aber zumindest dafür, dass wir so oft wie nur möglich wegkamen. Manchmal fuhren wir also für ein langes Wochenende an die Küste. Und obwohl das Meer nur eine halbstündige Autofahrt von zu Hause entfernt war, fühlte es sich für uns Kinder wie eine Reise in eine andere Welt an.

In diesem Sommer lasse ich meinen eigenen guten Rat beiseite und bleibe mit meiner Familie nicht in Hoyerswerda. Wir machen uns im Auto auf den Weg an die irische Küste. Das dauert nicht eine halbe Stunde, sondern 20 Stunden, zuzüglich 17 Stunden auf einer Fähre. Und am Ende wartet die raue, eiskalte Irische See. Aber ich konnte meine Frau nun einmal nicht überzeugen, dass es ein Ausflug an den Bröthener See vielleicht auch getan hätte.

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