Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

06.12.2014 07:33 (Kommentare: 0)

Bitte keine Geschenke!

Geburtstags-Feiern in Hoyerswerda können kulturelle Verwirrung nach sich ziehen.

Deutsche Geburtstage waren eine Überraschung für mich. Hier ist nicht der passende Ort zum leben, wenn Du ruhig alt werden möchtest, ohne dass jemand Notiz davon nimmt. Dein Geburtstag geht auch alle anderen etwas an und zusammen mit Freunden sind sie eine teure Angelegenheit. Ich selbst würde mich keinesfalls geizig nennen, aber an Deinem Geburtstag sollten die Leute doch Dir Sachen kaufen und nicht umgedreht. Du musst Deine Freunde zum Mittagessen einladen, zu Kaffee und Kuchen und später dann auch noch zum Abendessen. Wessen Geburtstag ist denn das - meiner oder deren?

Bis zu meinem ersten Geburtstag in Hoyerswerda war ich mit den hiesigen Traditionen nicht vertraut. Man fragte mich, ob ich an meinem Ehrentag gern etwas Besonderes unternehmen möchte. Ich wollte keine große Feier oder Kaffee und Kuchen. Aber ich dachte, ein Abendessen in einem netten Restaurant mit der ganzen Familie wäre eine schöne Sache. Und so ging es in mein Hoyerswerdaer Lieblings-Restaurant, das „Athos“ am Grünewaldring. Mit meiner großen Vorliebe für Rindersteak wählte ich eines der teuersten Gerichte auf der Karte. Nebenbei: Kann mir einer erklären, warum das Fleisch für ein schmackhaftes Steak die weite Reise von Argentinien antreten muss, wo es doch auch in Deutschland gutes Rindfleisch gibt?

Zum Essen tranken wir eine Flasche guten deutschen Weins, und als die Mahlzeit vorüber war, dankte ich allen dafür, mich ausgeführt zu haben. Dann kam der Kellner mit der Rechnung zu meinem Platz, was ich gedankenlos von ihm fand. Er wusste doch, dass ich Geburtstag hatte! Meine Frau bemerkte meine Überraschung und flüsterte mir zu, dass in Deutschland das Geburtstagskind zahlt. So legte ich also ein gekünsteltes Lächeln auf und griff zu meiner Brieftasche.

In letzter Zeit war ich zu zwei Geburtstagen eingeladen. Der einzige Unterschied, den ich jeweils zum Vorjahr feststellen konnte: Beide Jubilare waren jeweils ein Jahr älter. Zu beiden Feiern erschienen ein paar Freunde mit Wein, Pralinen oder Blumen. Dann gab es noch einen Konzertgutschein, ein Buch und eine Flasche Schnaps. Man schwatzte und trank. Wenig später klingelte der Catering-Service und brachte eine Auswahl von Fleischgerichten, Kartoffelsalat und Nudeln. Die Gäste aßen sich satt und setzen ihre Unterhaltungen fort, bevor sie die Feier relativ zeitig verließen. Das war verständlich. Die meisten mussten am nächsten Tag zeitig zur Arbeit. Die Feiern waren nicht allzu aufregend, sondern Gelegenheiten, Freunde zu treffen. Ich finde das eine vernünftige Art und Weise, einen Geburtstag zu verbringen. Daheim lieben wir es eher extremer.

In Irland würden wir die Art von hiesigen Geburtstagen wohl nicht als Feier bezeichnen. Wir würden sagen: „Dieses Jahr gebe ich keine Party. Es schauen nur ein paar Freunde vorbei.“ Wenn wir in Irland feiern, dann aber richtig. Aber eigentlich sind Geburtstage in Irland nicht so wichtig, wenn Du nicht gerade ein Kind bist oder es einen runden Geburtstag gibt. Je älter wir werden, umso weniger feiern die meisten von uns. Manchmal bekommt man eine Karte oder ein Geschenk. Aber das war’s.

Ich liebe es aber, in Irland auf die Feiern anderer Leute zu gehen, besonders, wenn sie in einer Kneipe oder in einem Restaurant stattfinden. Meistens bringt man noch einige Freunde mit und dann entsteht eine richtige Party-Atmosphäre. Wir Iren lieben es, auszugehen, es krachen zu lassen und bis in die Nacht hinein zu essen, zu trinken, zu singen und tanzen. Das ist eine der Sachen, die ich hier wirklich vermisse. Hier ist es in der Kneipe dagegen ruhig. Es sei denn, man ist in größeren Städten wie Dresden oder Berlin. Und die Musik, die hier in den meisten Kneipen läuft, ist entweder etwas kitschig oder es sind die Hits der 80er. Ich frage mich, was die Deutschen wohl vor den 80ern gehört haben.

Ich habe hier überrascht festgestellt, dass auch Männer Geburtstags-Blumen bekommen. Ich finde das wunderbar. Bis meine Frau mir eines Tages an meinem Geburtstag Lilien in mein Belfaster Büro schicken ließ, hatte ich nie Blumen zum Geburtstag bekommen. Seitdem ich in Hoyerswerda bin, bekomme ich immer Blumen. In Irland würden Männer vor Peinlichkeit und Enttäuschung erstarren!

Es ist schwer zu sagen, welche die bessere Geburtstags-Tradition ist: Jedes Jahr eine kleine Party in der eigenen Wohnung in Deutschland oder oder alle zehn Jahre eine größere Sause in einem irischen Pub? Ich finde nur: In beiden Fällen sollte das Geburtstagskind seine Geldbörse unbedingt in der Tasche lassen dürfen.

 

 

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