Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

28.03.2015 07:39 (Kommentare: 0)

Bitte ganz fest anschnallen!

Trotz viel Grüns kann ein Spaziergang in Hoyerswerdas ehemaligem WK X zum Ärgernis werden.

Wenn man lange genug an einem neuen Ort war, um schon alte Erinnerungen daran zu haben, sollte man vielleicht weiterziehen. Das habe ich mir vor ein paar Tagen bei einem Spaziergang im Hoyerswerdaer WK X gesagt. Vor gut zweieinhalb Jahren beteiligte ich mich dort am Auszeit-Projekt der KulturFabrik. Sie machte sich einen der Abrissblöcke an der Otto-Nagel-Straße zu eigen. Einen ganzen Monat lang gab es in dem Würfelhaus ein buntes Programm verschiedener Projekte, bevor das Gebäude abgerissen wurde. Das Ganze fand im Sommer statt, wenn natürlich fast überall alles voller Leben ist. Es war phantastisch.

Doch zugleich sollte ein großes Haus, in dem gut zwei Jahrzente lang Familien gewohnt hatten, plötzlich sein Leben verlieren. Ich selbst habe natürlich keine Erinnerung daran, wie es in seiner Blüte stand. Aber verlässliche Quellen trugen mir zu, dass es ein großartiger Ort für Kinder war. Sie konnten hier mit vielen Freunden spielen, hatten dazu viel Raum, offene Natur vor der Haustür und Bäume zum Klettern.

Während des Auszeit-Projektes war jeder Raum für die Öffentlichkeit zugänglich. Es gab Ausstellungen, ein Café, eine Mitmach-Küche, ein Wohnzimmerkino oder ein Hostel. Wir luden an einem Wochenende ein paar irische Musiker ein, dort zu spielen. Sie waren begeistert. Als ich nun wieder dort war, war es fast unmöglich, die Stelle zu finden, an der das Würfelhaus stand. Es war eines von zweien, die Seite an Seite errichtet worden waren und die längst dem Erdboden gleich gemacht sind. Sogar anstelle der Straße wächst inzwischen Gras.

Ich versuchte mir vorzustellen, wo die Open-Air-Party mit irischer Musik stattgefunden hatte. Aber ich konnte die exakte Stelle einfach nicht ausfindig machen. Wie muss sich das für die Kinder von einst anfühlen, wenn sie heute ihr damaliges Zuhause als eine simple Brache vorfinden? Ich finde es erstaunlich, wie schnell so ein Fleckchen Erde völlig verändert werden kann. Und das trifft in Hoyerswerda auf so viele Orte zu. Mir fällt gleich wieder der Platz ein, an dem die Juri-Gagarin-Oberschule stand, die auch meine Frau besucht hat. Das Gebäude war nicht mehr sehr schön, aber mit den vielen Bäumen und dem nahen Elsterfließ war seine Umgebung doch reizvoll. Jetzt ist es Ödland ohne jeden Charakter. Mal sehen, welche Art neuen Lebens sich dort entwickelt!

Aber was wird mit dem ehemaligen WK X ? Ich verstehe den Versuch der Kommunalpolitik, die der schrumpfenden Stadt neues Leben einhauchen will und sich dabei auf die beiden Stadtzentren konzentriert. Nur: Was ist mit den zurückbleibenden Menschen und Institutionen? Ich finde es ironisch, dass an der Käthe-Kollwitz-Straße das topmoderne Berufsschulzentrum gleich neben einem Altenheim steht. Jung und Alt nutzen geimeinsam einen vor seiner Zeit vergreisten Stadtteil! Die Gehwege bröckeln und die verbliebenen Gebäude sehen müde und grau aus.

In besagtem Altersheim lebt auch die Großmutter meiner Frau. An einem sonnigen Nachmittag brachen wir mit ihr zu einem Spaziergang auf, der zum Hürdenlauf wurde. Den Rollstuhl über die kaputten Gehwege zu schieben, war mühsam. Zum Glück hatten wir Omi vorsorglich angeschnallt. Bis vor ein paar Wochen führte noch die kaum mehr von Autos befahrene Otto-Dix-Straße vom Laurentius-Heim in Richtung des Auszeit-Geländes. Sie war perfekt für die Heimbewohner - ein schöner Spazierweg am Rande eines Kiefernwäldchens! Inzwischen wächst auch hier Gras. Es wäre sicher einfach gewesen, sie mit neuen Aspahlt zu einer rollstuhlgerechten Promenade zu machen. Aber die Behörden hatten eben andere Pläne.

Doch wie steht es nun um die Alten und die Behinderten im benachbarten Helen-Keller-Haus? Es ist fast, als hätte man sie vergessen. Dabei ist das Wohnumfed für sie genauso wichtig wie für Verwandte, die zu Besuch kommen. Ich liebe Grünflächen sehr. Aber man kann doch nicht die meisten Bewohner eines Stadtteils ins Stadtzentrum umsiedeln, Gas säen, Bäume pflanzen und die verbleibenden Menschen von der Stadt abschneiden! Das Problem ist sicher nicht einfach zu lösen und ich bin froh, nicht die Verantwortung dafür zu haben, eine Lösung finden zu müssen.

Womöglich wäre es für mich an der Zeit, weiterzuziehen. Jedoch ist Hoyerswerda mein Zuhause geworden - auch mit seinen Problemen. Und ich denke, dass ich schon noch einige Jahre bleiben werde. Ich will aber hoffen, dass ich hier nicht eines Tages in einem Altenheim mit mangelhafter Verbindung zum Rest der Stadt ende. Sollte mich aber dennoch irgendwann jemand dabei beobachten, wie ich mich am Rande von Hoyerswerda in einem Rollstuhl sitzend auf unwegsamem Gelände abquäle, habe ich heute schon eine Bitte: Schiebt mich einfach ein Stück in Richtung Irland!

Kommentieren

Zurück

Einen Kommentar schreiben