Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

20.12.2014 10:02 (Kommentare: 0)

Bevor der Weihnachtsmann kommt

Wussten Sie, dass der Advent hier vergleichsweise eine besonders magische Sache ist?

Wer hätte gedacht, dass ich einmal heißen irischen Whisky auf dem Weihnachtsmarkt in Hoyerswerda verkaufen würde, wie ich es am vorigen Wochenende im Schlosshof tat? Schließlich hatte ich von der Stadt Hoyerswerda vor ein paar Jahren noch nie gehört. Noch seltsamer: In Irland verkaufen wir auf Weihnachtsmärkten gar keinen heißen Whisky. Ich musste also nach Hoyerswerda kommen, um zu Weihnachten etwas Irisches zu tun, was es in Irland nicht gibt.

Natürlich ist heißer Whisky im Winter in irischen Pubs sehr beliebt. Aber irgendwie vermeiden wir es, auf unseren Weihnachtsmärkten Irisches zu verkaufen. Weihnachtsmärkte sind in Irland eine relativ neue Erscheinung und bieten vor allem Deutsches – natürlich zu einem höheren Preis als hier. Der deutsche Einfluss auf das Weihnachtsfest in Irland wächst, und ich freue mich, das zu sehen. Ich werde oft gefragt, ob es große Unterschiede zwischen Weihnachten hier und zu Hause gibt. Nun, ich zumindest finde in der Vorweihnachtszeit in Hoyerswerda mehr Erfüllung.
Sie ist einfacher, aber bedeutungsvoller. Jeder Tag im Advent ist ein Schrittchen in Richtung Weihnachten. Meine Kinder springen jeden Morgen aus dem Bett, um ihre Adventskalender zu öffnen, und sie freuen sich am täglichen Lebendigen Adventskalender in der Altstadt. Iren dagegen haben keine Ahnung, dass der 6. Dezember Nikolaustag ist und dass die Kinder deshalb ihre Schuhe putzen sollten. All diese Ereignisse hier machen den Dezember aber zu einem magischen Monat für Kinder.

Als ich ein Kind war, hatten wir all dies leider nicht. Es war aber trotzdem eine sehr spezielle Zeit. Der Glanzpunkt war der Zeitpunkt Mitte Dezember, zu dem der Weihnachtsbaum im Wohnzimmer aufgestellt wurde. Dazu kam der Geruch aus der Küche, wo meine Mutter Plum Pudding zubereitete; natürlich mit Whisky gefüllt. Wie die meisten Häuser war auch unseres etwas zu sehr mit leuchtenden Dekorationen geschmückt und wir liebten es, im Auto umherzufahren, um uns die bunten Weihnachtsbäume in den Häusern der Nachbarn anzusehen. Es ist aber heute noch verrückter, wie Familien um die Anzahl von Leucht-Dioden-Mätzchen und die bunteste Haus-Dekoration konkurrieren.

Ich mag die einfache, weiße Weihnachtsbeleuchtung hier lieber. Sie ist in Irland komischerweise nicht so verbreitet. Dabei stellte man früher auf dem Land traditionell zu Weihnachten eine Kerze ins Fenster, um Fremden ein wenig Licht auf den Weg zu geben und sie wissen zu lassen, dass sie in diesem Haus willkommen sind. Es gibt zwar heute kaum noch fremde Wanderer. Aber gäbe es sie, könnten sie die funkelnden Fenster kaum übersehen.

Die Freude, zwei Wochen im Dezember und eine im Januar einen bunten Weihnachtsbaum zu haben, hat mich nicht verlassen. Also habe ich meine Frau überredet, mit der deutschen Tradition zu brechen, den Baum nicht vor dem 24. Dezember aufzustellen. Ich bin, auf meine Kindheit zurückblickend, ohnehin schon etwas neidisch auf die Kinder hier. Während wir jedes Jahr vergeblich versuchten, den Weihnachtsmann zu Gesicht zu bekommen, der die Geschenke ja nachts bringt, werden viele deutsche Kinder jedes Jahr persönlich durch einen Besuch des wichtigsten Mannes der Welt hofiert!

Je älter ich wurde, umso mehr liebte ich den Heiligen Abend. Nach der Mitternachtsmesse bereitete meine Mutter Steak mit Zwiebeln. Es war der einzige Abend im Jahr, an dem wir so spät aßen. Wir saßen dann alle am Kamin und öffneten die Geschenke. Wenn wir es so wie die Deutschen schon am späten Nachmittag getan hätten, hätte ich wohl nicht noch ein Geschenk, das ich 30 Jahre nicht losgeworden bin.

Es war das Jahr meiner schlimmsten Weihnachts-Überraschung. Wir wollten abends zu einer Weihnachtsfeier mit Familienmitgliedern und Freunden. Ich sollte meine Freundin abholen, meine erste große Liebe. Aber mein Zwillingsbruder sah sie zufällig warten, als er mit seinem Auto vorüberfuhr, und nahm sie mit. Er tat, als wäre er ich und sie merkte den Unterschied nicht! Als ich später in der Kneipe ankam, sah ich gerade, wie die beiden sich küssten. Es gab ziemlichen Krawall und das war das Ende der Beziehung.

Irgendwo habe ich also noch ein nicht geöffnetes Geschenk aus den 80ern, einen Strickpullover mit Weihnachtsmotiven. Ich hätte vielleicht versuchen sollen, ihn vorige Woche beim Weihnachtsmarkt im Schloss zu verkaufen. Falls also jemand ein letztes Geschenk braucht: Ich könnte womöglich dabei helfen, Scherereien zu vermeiden. Ich wünsche Ihnen Frohes Fest! Wie wir Iren sagen: „Möge die Freude der Weihnacht durch Eure Türen hindurchtreten und mögen all Eure Sorgen weit, weit draußen bleiben! Merry Christmas!“

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