Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

14.03.2015 07:23 (Kommentare: 0)

Bericht aus einem irischen Trauerhaus

Ein aktueller Todesfall in der Familie macht deutlich, wie unterschiedlich man mit dem Tod umgehen kann.

Der Tod ist unausweichlich. Begegnungen mit ihm können aber sehr ungleich sein. Eine diesbezügliche Erfahrung hat mich kürzlich sehr stark zum Nachdenken über kulturelle Unterschiede zwischen meinem Leben in Irland und in Hoyerswerda angeregt: Vor wenigen Wochen erhielt ich eine der Nachrichten, die wir alle fürchten. Mein Bruder rief mich aus Irland an, um mir zu sagen, dass unsere Mutter gestorben ist. Solche Telefonate vergessen wir nie. Ich erhielt einen ähnlichen Anruf vor 15 Jahren, als mein Vater starb. Damals war ich ganz in der Nähe. Nun, es ist immer ein wenig schwerer, wenn man weit weg ist von zu Hause.

Gott sei Dank ist Irland aber nur zwei Flugstunden entfernt und bereits einen Tag, nachdem ich über den Tod unserer Mutter informiert worden war, war ich mit meinen Brüdern und Schwestern in unserem Elternhaus vereint. Es war eine wundervolle Erfahrung. Die irische Begräbnistradition macht mich ein wenig stolz. Zwar ist es zweifelsohne immer schmerzhaft, einen geliebten Menschen zu verlieren. In Irland ist es aber auch etwas, das Menschen verbindet. Hinterbliebene erfahren während der Trauerphase nämlich ausgesprochen viel Anteilnahme, was die Sache durchaus erleichtert.

Meine Mutter verstarb friedlich daheim. Sie war 85 Jahre alt und ihr Gesundheitszustand hatte sich nach einem Schlaganfall stark verschlechtert. Am Ende hatte ihre Lebensqualität so abgenommen, dass der Tod für sie eine Erlösung war. Sie hatte ein erfülltes Leben und ich bin ihr dankbar für Vieles. Sie hat neun Kinder großgezogen, darunter zwei Zwillingspärchen. Und sie war es, die alle wesentlichen Entscheidungen in Haus und Hof fällte.
Wenige Stunden nach ihrem Tod trafen bereits Nachbarn und Freunde ein, um Abschied zu nehmen. Zwei ganze Tage und Nächte lang war das Haus voller Menschen. Sie kamen, um ihren Respekt zu zollen. Sie brachten Kuchen und Brot mit, wie es Brauch ist. Eine irische Küche gleicht während einer Aufbahrung einer Gastronomie. Die Frauen bereiten wie am Fließband Tee sowie belegte Brote zu und waschen ab. Es kann mitunter sehr vergnügt zugehen: Die Leute erinnern einander an lustige Begebenheiten mit dem Verstorbenen und philosophieren über die gute, alte Zeit. Bei der Aufbahrung meiner Mutter war das nicht anders. Es ist eine wundervolle Erfahrung besonders für die jüngere Generation.

Der Körper des Verstorbenen liegt festlich gekleidet im Wohnzimmer im offenen Sarg. Für einige Stunden sind nach dem Tod die Fenster geöffnet, um Seele und Geist hinauszulassen. Dann werden sie geschlossen, damit der Geist nicht zurückkehren kann. Bis zur Beerdigung zeigen alle Uhren im Haus den Todeszeitpunkt. Sie werden angehalten. Alle Spiegel werden verhängt. Aus Respekt sind auch alle Jalousien und Vorhänge zugezogen. Um der Seele die Reise in das Leben nach dem Tode zu erleichtern, wird Totenwache gehalten, Das heißt, dass immer jemand beim Verstorbenen bleibt. Zusätzlich wird stündlich der Rosenkranz gebetet. Diese Riten begleiteten auch die Aufbahrung meiner Mutter.

Die Beisetzung war eine große, öffentliche Zeremonie. Die Kirche war übervoll mit Menschen. Nach der Beerdigung waren alle zum Mittagsimbiss im Gemeindesaal eingeladen. Ungefähr 150 Leute fanden ihren Weg dorthin. Viele besuchten anschließend noch ein kleines Lokal, um weitere Erinnerungen an meine Mutter zu teilen. Diese drei Tage hatten Höhen und Tiefen. Es gab Gelegenheiten für Tränen ebenso wie zum Lachen. Und so viele Menschen um sich zu wissen, die meine Mutter gut kannten, hatte etwas Erleichterndes.

Ich habe bisher in Irland viele Beerdigungen besucht, aber bisher nur eine einzige in Hoyerswerda. Für mich war dies eine etwas befremdliche Erfahrung. Die Trauerfeier war sehr kurz und nur die unmittelbare Familie war anwesend. In all der Zeit, in der ich nun schon hier lebe, habe ich nicht eine einzige Beerdigungsprozession beobachtet. In Irland gehört es zum Alltag, Trauergäste zu sehen, die in Stadt und Land die Straßen säumen und den schwarzen Limousinen mit den Särgen auf ihrem Weg zur Kirche hinterherlaufen. Autos, die in der Gegenrichtung unterwegs sind, halten selbstverständlich an. Sie warten, bis die Limousine mit dem Sarg und alle Trauergäste vorübergezogen sind. Polizeibeamte, die mitunter bei sehr großen Beerdigungen eingesetzt sind, um komplikationslose Straßensperrungen zu gewährleisten, salutieren dem vorüberziehenden Sarg.

Um den Tod eines geliebten Menschen zu akzeptieren, braucht es Zeit. Den Verstorbenen, umringt von Familie und Freunden, noch zwei bis drei Tage bei sich zu Hause zu haben, ist eine große Hilfe. Wollte jemand wissen, welche irischen Traditionen ich gern in Deutschland einführen würde, so wäre der Umgang mit dem Tod sicher eine davon. Nach der Beerdigung meiner Mutter kamen viele Leute zu mir, um mir zu sagen, dass sie einen wunderschönen Abschied hatte. Ihre Trauerfeier war auch eine Feier ihres Lebens. Über die Jahre habe ich viele schöne Erinnerungen an meine Mutter gesammelt. Und selbst bei ihrer Trauerfeier kamen nun weitere hinzu. Mögen sie und all die anderen bereits von uns gegangenen geliebten Menschen in ewigem Frieden ruhen!

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