Kolumne „Ein Ire in Hoyerswerda“


Philip CampbellUnser Autor

Der Journalist Philip Campbell stammt aus Nordirland,
lebt in Hoyerswerda und kommentiert hier, was ihm
in der Stadt und ihrer Umgebung auffällt.

 

10.10.2015 04:45 (Kommentare: 0)

Als Prophet in fremdem Lande

Hoyerswerdas jetzt zu Ende gegangene Interkulturelle Tage haben ein paar überraschende Perspektiven eröffnet.

Für Familie Campbell waren Hoyerswerdas Interkulturelle Tage ausgesprochen ereignisreich. Ich selbst war Teil der Fotoausstellung „Zugezogen“ im Lausitz-Center und lernte dabei einige Dinge, die tiefen Eindruck auf mich machten. Zur Ausstellungseröffnung bat KulturFabrik-Geschäftsführer Uwe Proksch all jene Schaulustigen die Hand zu heben, die außerhalb von Hoyerswerda geboren sind. Als ich mich umblickte und sah, dass fast alle Hände oben waren, begriff ich, dass ich mich nicht länger als etwas Besonderes begreifen kann – als einziger Ire in einer kleinen Minderheit von Zugezogenen.

Denn es sieht ganz danach aus, als ob es die meisten von uns hierhergeweht hat – aus unterschiedlichen Beweggründen sowie mit guten und schlechten Erfahrungen. Zur Ausstellungseröffnung scherzte der Historiker K. Erik Franzen, in Hoyerswerda müsse man statt von einem Migrationshintergrund besser von einem Migrationsvordergrund sprechen. Unsere unterschiedlichen Talente machen Hoyerswerda jedenfalls zu einem Ort mit viel Potenzial.

Hier ein konkretes Beispiel dazu: So, wie alle Eltern auf ihre Kinder stolz sind, bin ich stolz auch auf meine fünfjährige Tochter. Dieser Tage war ich besonders stolz. Das Kind hatte vor vielen Eltern und Großeltern in der Musikschule sein erstes Vorspiel auf dem Akkordeon. Das war für meine Tochter natürlich eine große Sache. Von mir ließ sie zudem die Schande abfallen, aus einer unmusikalischen Familie zu stammen. Denn in Irland kann fast jede Familie mindestens einen Musiker aufweisen. Ich aber musste mit meiner Familie erst nach Hoyerswerda kommen, um in ihr ein musikalisches Talent zu entdecken!

Bei der Ausstellungseröffnung im Lausitz-Center fiel mir auf, dass meine Erlebnisse in Irland, verglichen mit dem Horror, dem andere Porträtierte ausgesetzt waren, nichtig scheinen. Es gab aber durchaus eine Zeit, in der ich in meinem abgelegenen Bauernhäuschen im Norden Irlands um mein Leben fürchten musste. Zwar war ich nur eine kleine Spielfigur im Kampf um die Anerkennung unserer gälischen Muttersprache und Kultur. Aber trotzdem geriet ich ins Visier derer, die alles Irische hassen und ihre britische Kolonialvergangenheit verzweifelt ins Heute retten wollen. Es gibt eigentlich genügend Raum für beide Traditionen, aber viele Unionisten sind nur an der ihren interessiert. Eines Tages warnte man mich, dass mein Leben in Gefahr wäre. Ich war also gezwungen, mich in meinem Haus zu verbarrikadieren und in Reichweite meines (legalen) Gewehrs zu schlafen. So sollte in einer Demokratie keiner leben müssen, und zum Glück gingen diese gefahrvollen Zeiten ja auch vorüber.

Ebenfalls anlässlich der Interkulturellen Tage sprach ich im Bildungszentrum Schleife in meinem gebrochenen Deutsch über diese unschönen irischen Erfahrungen. Wir diskutierten dort aber auch über die Zukunft der Lausitz und ihren Mangel an jungen Leuten. Ein Mitarbeiter des Bildungszentrums sagte, obwohl er ständig von diesem Mangel höre, sehe er doch überall junge Menschen. Er hat Recht. Mögen uns die Statistiken auch sagen, dass die Region altert und ihre Jugend an die großen Städte verliert, so gibt es um uns herum doch Jugend und Mütter mit Kindern. Wir sollten unser Leben nicht an Statistiken ausrichten, sondern mit Glauben an uns selbst und die nächste Generation so gut wie möglich an der Zukunft arbeiten.

Die ereignisreiche Woche schloss für meine kleine Tochter und für meinen ältesten Sohn mit der Verteilung der Rollen für das diesjährige Weihnachts-Krippenspiel in unserer katholischen Kirchgemeinde. Ich ging mit den beiden also zu diesem ersten Treffen, bei dem Pfarrer Peter Paul Gregor die Rollen vergab, und es war wunderschön, in all die jungen, erwartungsvollen Gesichter zu blicken. Ich musste etwas schmunzeln, als mein in Irland geborener Sohn hocherfreut war, ausgerechnet die Rolle eines Fremden zugeordnet zu bekommen. Er hatte keine Ahnung von den Interkulturellen Tagen, sondern er wollte nur etwas anderes sein als im zweiten Jahr in Folge der weise König.

Sehr oft hat der Volksmund Recht. Er sagt auch, im eigenen Lande sei der Prophet nichts wert. Verstehen Sie mich bitte nicht verkehrt: Ich war in Irland sehr erfolgreich. Jedoch musste ich erst nach Hoyerswerda kommen, um vorurteilsfrei als Ire willkommen geheißen zu werden. Ich wünsche mir, dass es jedem, der hierherkommt, so gehen möge wie mir und den meisten anderen netten Hoyerswerdaern, die ebenfalls Zugezogene sind.

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