„Impulse“


Gerhard WalterUnser Autor

Gerhard Walter lebt in Hoyerswerda, ist Lehrer
und reflektiert hier alle zwei Wochen
kommunale Diskussionen.

 

12.12.2015 14:04 (Kommentare: 0)

Luftkurort Hoyerswerda

Im Vergleich mit vielen anderen Orten auf der Welt hat unsere Stadt einen großen Vorteil - man kann hier gut atmen.

Aus Schornsteinen und Auspuffen Herausgeblasenes verteilt sich bereits in wenigen Wochen über unseren  Erdball. Da kann man mit seinem Standort mehr oder weniger Glück haben. So sollte man bei der Wahl des eigenen Wohnsitzes die vorherrschende Windrichtung berücksichtigen. Und die ist bei uns West-Südwest. Daher wird staubiger Dunst an den meisten Tagen des Jahres nach Osten beziehungsweise Nordosten weggeweht. Diese Weisheit berücksichtigten in der Regel die Herren der Indutrie, die ihre Villen an der windzugewandten Seite der Fabrikschornsteine errichteten.

Eben las ich in der druckfrischen, vom Kulturbund Hoyerswerda herausgegebenen Broschüre „Erinnerungen – Hoyerswerda im Aufbau“, wie es 1954 zur Entscheidung für den Standort Hoyerswerda als Wohnsiedlung für das künftige Kombinat Schwarze Pumpe kam, obwohl die Orte, die zur Auswahl standen, allesamt näher an den Arbeitsplätzen lagen als Hoyerswerda. Einer der Vorteile war, wie es hieß, „die günstige lufthygiensche Lage“. So habe ich selbst diese Stadt, die mit einheimischer Kraft aus dem Boden gestampft wurde, in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wohltuend frischluftig und sauber erlebt.

Es wurde damals behauptet, in Hoyerswerdas Neustadt sei die Luft so sauber wie in einem Luftkurort. Hier war es möglich, genussvoll frei zu atmen. Das hat sich seither nicht spürbar verschlechtert. Im Gegenteil. Das Kombinat Schwarze Pumpe zerfiel nach 1990, da die neue gesamtdeutsche Industrielandschaft eine zentrale Braunkohle-Gasproduktion für die östlichen Bundesländer nicht mehr nötig fand. Seither sind auch die wenigen Tage, an denen der Wind aus Nordost weht, geruchlich nicht mehr zu unterscheiden von den geringer belasteten. Früher war das anders. Machte der Wind die Ausnahme, roch es streng in unserer Stadt und zwar so, wie es in Schwarze Pumpe oder in Zerre immer roch.Es war der unangenehme Geruch eines Zuschlagsstoffes, der dem geruchlosen Stadtgas beigefügt werden musste, um es erkennbar zu machen. Schließlich war Gasgeruch in Häusern eine alarmierende Angelegenheit, die auf ausströmende Gefahr schließen ließ. War die Konzentration groß genug, genügte ein Funke zur Auslösung einer Explosion.

Seine saubere Luft hat Hoyerswerda maßgeblich der fernbeheizten Neustadt zu verdanken, die vor Ort keinerlei Abgase aus Heizungen freisetzte. Glücklicherweise ist mit dem Rückbau des Kombinates in Schwarze Pumpe ein neues Kraftwerk entstanden, das uns mit überschüssiger Wärme versorgt. Der Übergang erfolgte kontinuierlich. Die Versorgung mit Fernwärme war niemals über einen längeren Zeitraum unterbrochen. Angesichts der vor unseren Augen ablaufenden Klimaerwärmung ist es allerdings möglich, künftig auf Wärmeversorgung gänzlich zu verzichten und sich eher Gedanken um eine Kühlung zu machen. Leider bedarf eine Kühlung auch wieder der Energie. Die Wärme wird dann lediglich an andere Orte transportiert, sozusagen „abgeschoben“. Naturgesetze lassen sich eben nicht überlisten!

Es erweist sich aber auch die ausgedünnte Besiedlung unserer Region, die leider ökonomische Schwäche kennzeichnet, für die Sauberkeit der Luft als sehr vorteilhaft. Vergleichen wir uns mit einem dicht besiedelten wirtschaftlich aufstrebenden Raum, werden wir deutliche Unterschiede in der Lebensqualität feststellen. Bedenken wir, dass dieser Tage im Großraum Peking wegen der nicht zu übersehenden Luftverschmutzung die höchste Alarmstufe ausgerufen werden musste. Der Feinstaub hatte dort das Zehnfache des international vereinbarten Grenzwertes überschritten! Es bleibt nun dauerhaft trüb bis wieder ausreichend starker Westwind den Smog über den Pazifik bläst. Nach der Abschaltung von Fabriken und dem Fahrverbot für Autos ist tatsächlich mittlerweile rasch eine Verbesserung in und um Peking eingetreten. Sollte es da wirklich einen so direkten Zusammenhang geben?!

Nun spuckt uns auch noch die Natur mit dem brodelnden Ätna in die Suppe. Die vulkanischen Wolken driften glücklicherweise brav nach Osten über das Mittelmeer und müssen erst einmal um den Globus, bis deren Spuren bei uns ankommen. Ja, der Herausforderungen gibt es viele, die auf Gedeih und Verderb ein internationales Zusammenwirken erzingen. Nicht einmal ein Bundes-Kleinstaat kann sich aus der Verantwortung und dem klimatischen Eine-Welt-Problem herausmogeln. Denn es ist nahezu unmöglich, Grenzen in der Lufthülle der Erde zu errichten. Bauten wir uns Glashäuser zum Schutz vor schlechter Luft und klimatischen Unbilden, müssten wir deren Zerbrechlichkeit in Kauf nehmen!

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