Gelebte Nachbarschaft


von Tageblatt-Redaktion

Sie spricht nicht nur von Nachbarschaft, sondern die 73-jährige Christa Menze füllt diesen Begriff auch mit Leben aus. Foto: Könen
Sie spricht nicht nur von Nachbarschaft, sondern die 73-jährige Christa Menze füllt diesen Begriff auch mit Leben aus. Foto: Könen

Von Rainer Könen

Er arbeitete viele Jahre als Wirtschaftskaufmann. Sie unterrichtete in Hoyerswerda Schüler, war Direktorin einer Oberschule im WK 8 in Hoyerswerda.

Er ist behindert, ist EU-Rentner. Sie lebt seit 14 Jahren im gleichen Wohnblock in der Hoyerswerdaer Neustadt.
Uwe Vogel ist 60 Jahre alt. Christa Menze 73. Beide wohnen in der Ratzener Straße 51. Dort lebt die frühere Schulleiterin seit etwas mehr als 14 Jahren. Uwe Vogel ist mit seiner Frau Gudrun schon länger dort Mieter. Seit über einem Vierteljahrhundert wohnt das Ehepaar Vogel dort. Die beiden haben in den 26 Jahren in diesem Haus schon viele Mietergenerationen kommen und gehen sehen. Und auch die allmählichen Veränderungen im zwischenmenschlichen Bereich in der Hausgemeinschaft registriert. „Was soll man sagen: So wie die Gesellschaft ist, so schlägt sich dies auch häufig auf das Verhalten der Menschen nieder“, beschreibt es Uwe Vogel, der im Harz aufgewachsen ist und seit 1987 in der Zuse-Stadt lebt.

Jemand wie er ist aufgrund seiner Behinderung auf Hilfe angewiesen. Auf die seiner Frau, auf seinen Gehstock. Seit einem Vierteljahr hat er nun einen Rollator. Den „ich in meinem Alltag als überaus hilfreich empfinde“, meint der gebürtige Blankenburger. Doch wenn Uwe Vogel in den vergangenen Wochen von seinen Einkäufen zurückkehrte, wurde es für ihn mühsam. Wohin mit der mobilen Gehhilfe? „Ich habe den also jedes Mal mit einer Hand die Hauseingangstreppe hochgeschleppt, bin mit dem Ding zum Fahrstuhl und oben im dritten Stock habe ich ihn dann mit in unsere Wohnung genommen“, erzählt er.

Für ihn jedes Mal eine kräftezehrende Prozedur. Eine Weile hatte er den Rollator auch im Hauseingang angekettet. „Aber das war für mich keine sehr befriedigende Lösung“, meint er. Und außerdem sollte das mobile Gerät ja niemandem im Weg stehen. Doch wohin mit dem Gefährt? Und da brachte sich Uwe Vogels Nachbarin Christa Menze ins Spiel. Als sie vor einigen Wochen sah, wie sich ihr Nachbar mit seinem Rollator durch den Aufgang des Hauses abmühte, bot sie ihm ihren Abstellraum an. Der sich, wie die Wohnungen der beiden, ebenfalls im vierten Stock befindet. Ein Angebot, das der 60-jährige Uwe Vogel dankbar annahm.

Was man auch als gelebte Nachbarschaftshilfe bezeichnen könnte. Die ist in der heutigen Zeit bei Weitem nicht mehr geläufig. Denn Nachbarschaften wachsen wie ein Organismus. Einer, der ein individuelles Eigenleben führt. Das Miteinanderumgehen ist da nicht immer leicht, es stellt sich als Herausforderung dar. Heißt: Auch an einer guten Nachbarschaft muss man ständig arbeiten.

„Eine gutes Verhältnis zwischen Mietern eines Hauses ist heutzutage alles andere als eine Selbstverständlichkeit“, hat auch Uwe Vogel erkannt. In einer Gesellschaft, in der der zunehmende Individualismus Toleranz und Hilfsbereitschaft in den Hintergrund drängt. Denn zu einem Nachbarn zu „werden“, an einer funktionierenden Nachbarschaft mitzuarbeiten, erfordert die Fähigkeit, aufeinander zuzugehen.

Das Zusammenleben fängt doch schon im Kleinen an, so Christa Menze. Im Kleinen, das heißt für sie im unmittelbaren Wohnumfeld. In ihrem Haus wohnen über 20 Mietparteien. Natürlich kennen Uwe Vogel und Christa Menze nicht alle. Die Altersstruktur, Uwe Vogel bezeichnet sie als „gemischt“, ist eine, die man in vielen Hoyerswerdaer Wohnblöcken vorfindet. Junge und alte Mieter. Das Verhältnis zwischen den Mietergenerationen sei schon in Ordnung, finden beide. Aber die beiden Senioren machen sich natürlich schon so ihre Gedanken zum Thema Nachbarschaftshilfe. Eines, das ja an Stellenwert zunimmt, wenn man in die Jahre kommt. „Wer im Alter körperlich zunehmend gehandicapt ist, ist heilfroh, wenn er hier und da von Nachbarn Hilfestellungen bekommt“, so Uwe Vogel. Menschen wie er sind jedenfalls dankbar für solche kleinen Gefälligkeiten wie die von Christa Menze.



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