Eine Frage der Sitten und des guten Geschmacks


von Tageblatt-Redaktion

Anne Lehwald und Uwe Jordan waren uneins zu „111 Gründe(n)“ ... Ihr Vorschlag: „Nenn mir, abgesehen davon, dass es schmeckt, EINEN Grund, Fleisch zu essen.“ Antwort: „Ich schreib Dir ein Buch dazu: «Mehr als 111 Gründe!»“ Na, ob das was wird?
Anne Lehwald und Uwe Jordan waren uneins zu „111 Gründe(n)“ ... Ihr Vorschlag: „Nenn mir, abgesehen davon, dass es schmeckt, EINEN Grund, Fleisch zu essen.“ Antwort: „Ich schreib Dir ein Buch dazu: «Mehr als 111 Gründe!»“ Na, ob das was wird?

Von Uwe Jordan

Ein neues Jahr ist ein willkommener Anlass, gute Vorsätze zu fassen: Die Welt retten! Was für die Gesundheit tun! Ohne schlechtes Gewissen genießen! Die Hoyerswerdaerin Anne Lehwald hat das Patent-Rezept, alle drei miteinander zu verbinden: Vegetarismus! In ihrem Buch „111 Gründe, Vegetarier zu sein“, beschreibt die derzeit in München Lebende gemeinsam mit Simone Ullmann, was für eine fleischlose Lebensweise spricht. Tageblatt-Redakteur Uwe Jordan, bekennender Steak-Liebhaber, hat da einige Zweifel, ist aber guten Willens, sich besseren Argumenten zugänglich zu machen.

Anne – ist es nicht leichtsinnig, den Platz an der Spitze der Nahrungskette aufzugeben? Der besten aller Welten?
Seh ich nicht so. Vegetarismus macht diese Welt besser. 20 Prozent der Menschen verbrauchen 80 Prozent aller Ressourcen der Welt! Was kann ich als Großstädterin schon tun, um das zu verändern? Müll trennen, wenig Strom und Wasser verbrauchen, wenig Auto fahren ... Dann hört’s schon fast auf. Bleibt zum Glück die vegetarische Ernährung. Denn Tierhaltung verbraucht enorm viele Ressourcen: Weideland, für das riesige Flächen abgeholzt werden; Wasser ... Zur Herstellung von einem Kilogramm Tomaten beispielsweise werden 80 Liter Wasser benötigt, für ein Kilo Lammfleisch aber 10.000. In unserem Buch haben wir das ein bisschen ironisiert: „Sie haben also die Wahl: entweder Fleisch essen oder regelmäßig und ohne schlechtes Gewissen duschen.“ Und über das Leid der Tiere, die nur zum Schlachten gehalten werden, muss ich dir ja nichts erzählen.

Na ja, wenn wir Menschen aber keine Schweine, Rinder, Lämmer, Hühner, Enten, Gänse, Kaninchen ... essen und dafür nachzüchten würden, wären die doch schon lange ausgestorben.
Gut, darüber ließe sich streiten. Aber das ist eine philosophische Grundsatzfrage, ob ein schlechtes Leben besser ist als gar keins ... Ich denke, auch Tiere haben ein gutes Leben verdient, und ich für mein Teil will nicht schuld daran sein, wenn Tiere leiden. Aber diese Bilanz muss jeder für sich selbst ziehen.

Warum missioniert ihr dann?
Tun wir ja gar nicht! Unser Buch heißt doch nicht „111 Gründe, Vegetarier zu WERDEN“, sondern „111 Gründe, Vegetarier zu SEIN“. Das heißt, wir zeigen, was uns dazu bewogen hat, so zu leben, und wir freuen uns, wenn andere Menschen das als Angebot verstehen, mal darüber nachzudenken, ob nicht auch sie ihr Leben dahingehend ändern könnten.

Weißt du, 111 Gründe sind ganz schön viel; die kann sich doch kein Mensch merken – und das mit dem Die-Welt-Retten lassen wir mal beiseite. Nenn‘ mir also einfach EINEN Grund.
Weil vegetarisches Essen super schmeckt.

Das ist doch wirklich Geschmacksfrage.
Aber vegetarisches Essen ist sehr abwechslungsreich. Ein Gegenbeispiel: Amerikaner, die ja meist fleisch-orientiert sind, haben nur 0,5 Prozent aller Lebensmittel, die es gibt, auf ihrer Speisekarte ...

... und wieso wollt ihr den armen Kerlen dann von diesen 0,5 Prozent auch noch neun Zehntel wegnehmen?
Wollen wir ja gar nicht. Wir wollen nur zeigen: „Schaut mal, was es noch so alles an leckerem Essbarem gibt – wäre das nicht auch was für euch?“

Amerikaner sind ja aber sehr praktisch. Fast Food, Fertiggerichte und so Zeugs sparen Zeit. Ein Steak haue ich in die Pfanne, in vier Minuten ist es fertig. Vegetarisches Essen dauert viel länger.
Vegetarisch Kochen ist unkompliziert; Fleisch muss man aufwändig zubereiten ...

... muss man gar nicht!
Erzähl mir jetzt nichts von Hackepeter. Da sind Salz, Pfeffer, Zwiebeln und Ei dran!

Schabefleisch kann man ohne was essen! Leber auch! (NICHT nachmachen, d. A.) Warum soll, was für eine Katze gut ist, ein perfekt schönes Lebewesen, nicht auch für Menschen gut sein?
Iiih. Sag jetzt nichts mehr!

Es ist eben nicht alles Currywurst, was Fleisch heißt; Currywurst ist eh TKVA.
Was?

Tierkörperverwertungsanlage. Ich hab mal kurz vor der Wende als Heizer auf dem Schlachthof in Eberswalde gearbeitet, und da wurde in der TKVA alles zu Tiermehl verkocht, was zur menschlichen Ernährung nicht taugte. Das stank ganz schön – pfui Deibel.
Du hast auf dem Schlachthof gearbeitet – und isst trotzdem Fleisch?

Der Mensch ist Allesfresser. Hab ich schon in Heimatkunde Klasse 4 gehabt.
Der Mensch kann alles essen, und das musste er ja vor 10 000 Jahren auch. Heute haben wir Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten. Und von unserem Verdauungstrakt her sind wir eher Pflanzenesser.

So? Ich hab mal gelesen, dass Veganer ja nicht mal Apfelsaft trinken, weil der eventuell mit Gelatine geklärt ist, und in der ist, wie in Gummibärchen auch, angeblich irgendwas vom Rind drin.
Stimmt.

Dann dürfte man ja nicht mal ein Bier trinken. Kein Glas Wein. Keinen Alkohol. Bei dessen Entstehung sterben ja Millionen Lebewesen, wenn ich die Gärungstheorie noch richtig draufhabe.
Das sehen die Rohköstler auch so, aber die sind ja nur eine kleine Gruppe der Vegetarier. Andere verzichten nicht darauf.

Überzeug mich mal praktisch. Koch mir dein vegetarisches Lieblingsrezept!
Ich koche zwar gern, aber um Dich zu „überzeugen“, würde ich Dich lieber in ein Restaurant einladen.

Gut, dann erzähl ich dir meins. Ich esse ja nicht nur Fleisch.
Siehst du? Es geht doch! Das ist doch ein Anfang; den solltest du ausbauen!

O Gott! Darauf möchte ich dir mit einem Zitat aus deinem Buch antworten.
Da bin ich aber gespannt.

Seite 171, als du im Restaurant einen Salat mit Speck als „vegetarisch“ bekommen hast: „In solchen Momenten ist ein doppelter Schnaps das einzig wahre Erfrischungsgetränk.“
Ich glaube, darauf können wir uns einigen.

„111 Gründe, Vegetarier zu sein“ – Anne Lehwald & Simone Ullmann // bei Schwarzkopf & Schwarzkopf (Berlin 2014) // ISBN 978-3-86265-400-00



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