Ein Ort, der glücklich macht


von Tageblatt-Redaktion

Doris Kasper lebt heute auf dem Hof ihrer Großmutter Marie Kasper in Zeißig, zusammen mit ihrem Lebensgefährten Christoph Schwierz und ihren Kindern. Zum Hof gehören die Pension, die Kaffee-Schänke und das Streichelgehege.
Doris Kasper lebt heute auf dem Hof ihrer Großmutter Marie Kasper in Zeißig, zusammen mit ihrem Lebensgefährten Christoph Schwierz und ihren Kindern. Zum Hof gehören die Pension, die „Kaffee-Schänke“ und das Streichelgehege.

Von Andreas Kirschke

Erinnerungen sprudeln aus Doris Kasper heraus. „Großmutter würde sich freuen. Sie legte mir immer ans Herz: »Bewahre dir den Hof. Verkauf ihn nicht. Irgendwann brauchst du ihn«“, erzählt die 37-jährige Zeißigerin frei heraus. Stolz führt sie durch den Hof ihrer Großeltern Johann und Marie Kasper. Seit Mai 2011 steht an der Stelle des früheren Kuhstalls und der alten Scheune die Pension mit „Lutki-Kammer“, „Seenland-Kajüte“, „Goldgrube“ und „Sorbenstube“. Nebenan kehren Radwanderer und Tagestouristen gern in die „Kaffee-Schänke“ ein. Draußen im Streichelgehege tummeln sich Ponys, Esel und Ziegen.

Früher war der Vierseithof Johann und Marie Kasper eine kleine Familien-Landwirtschaft. Die Hofbesitzer arbeiteten später in den 1970er- und 1980er-Jahren in der LPG Pflanzenproduktion. Nach dem Tod ihres Mannes lebte Marie Kasper allein auf dem Hof. 1999 übergab sie das Anwesen an Sohn Johannes. „Seitdem lebte ich bei Großmutter“, schildert Enkelin Doris Kasper. „Großmutter ging täglich in Tracht. Sie sprach fließend sorbisch.“ Verwurzelt im Glauben lebte sie. Dank ihres Gottvertrauens überstand sie Tiefschläge wie Krieg, Flucht, Verwüstungen, Enteignung und den Tod des Ehemannes. „Immer hielt sie am Glauben fest. Das gab ihr tiefe seelische Kraft“, meint die Enkelin, der seit 2007 der Hof gehört. „Ich kannte Großmutter nur Bibel lesend. Sie hat auch abends mit mir gebetet. Von ihr lernte ich Dankbarkeit.“Von Großmutter erfuhr sie zugleich von den Traditionen und Bräuchen. Dazu gehörten die „Rau-Nächte“. Das ist die Zeit zwischen Weihnachten und dem 5. Januar. „In dieser Zeit hingen wir keine Wäsche auf. Tiere wurden mit Weihrauch besprüht. Das sollte böse Geister vertreiben.“ Zu Ostern traf sich die gesamte Familie. Sie verzierte zusammen Ostereier. „Es war wie ein Familientreff. Das Zentrum war dort, wo die Alten lebten“, sagt Doris Kasper.

In Zeißig und Bröthen wuchs sie auf. In Hoyerswerda lernte sie in der Grundschule „Handrij Zejler“, später „Am Adler“, und dann im Sorbischen Gymnasium Bautzen. Vor allem in den Ferien zog es sie immer wieder auf den Hof nach Zeißig zur Großmutter. „Hier lernte ich die Sagen und Geschichten kennen. Hier zeigte mir die Großmutter in ihren Erinnerungen das Leben von damals. Die vielen landwirtschaftlichen Geräte zeugen noch heute davon“, erzählt sie. In Passau, Hamburg und Berlin studierte Doris Kasper Ur- und Frühgeschichte und Volkskunde als Magisterstudiengang mit Schwerpunkt Museumsmanagement. Sieben Jahre leitete sie später die Außenstelle Welzow des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie. „Zu Spitzenzeiten hatte ich Verantwortung für über 30 Mitarbeiter und sieben Archäologen“, schildert die Zeißigerin. „Für mich war es Organisieren, Managen und Koordinieren zugleich. Doch eine dauerhafte Erfüllung war es nicht.“

In Emden traf sie während einer Studienreise Martha Nannen, die Witwe des „Stern“-Verlegers und Publizisten Henry Nannen (1913–1996). Diese Begegnung berührte sie. „Halten Sie an Ihrem Traum fest. Der Zeitpunkt der Erfüllung kommt. Vergessen Sie nicht Ihr Ziel“, gab die Witwe damals Doris Kasper mit auf den Weg.

Die Zeißigerin vergaß es nie. Seit Mai 2010 baute sie mit der Familie den Hof ihrer Großmutter um. In der Grundform blieb der Vierseiten-Hof erhalten. Ihre Eltern Johannes und Adelheid Kasper und Bruder Ralf (35) halfen nach Kräften mit. Förderung für den Umbau erhielt Doris Kasper aus dem EU-Programm „Gemeinschaftsaufgabe Ost“. „Sonst wäre die Maßnahme nicht zu leisten gewesen“, meint sie dankbar. Heute lebt Doris Kasper mit ihrem Lebensgefährten Christoph Schwierz (48) und ihren Kindern Matti (12), Johanna (6) und Franz (3) auf dem Anwesen. Dieser liegt nahe dem Frosch-Radweg und der Niederlausitzer Bergbautour. Bundesweit kommen Besucher zum Urlaub in die Pension. Sie reisen bis aus Tschechien und aus der Schweiz an. Sogar eine gebürtige Kamenzerin, die heute in Shanghai (China) lebt, verbrachte hier bereits erholsame Tage. „Unser Hof soll ein Ort sein, wo jeder wieder zu sich findet, zu seinen eigenen inneren Kräften, zu seinen Stärken und zu einem Wohlgefühl. Wir wollen damit ein Anker sein mitten im Lausitzer Seenland.“

Sonnabends und sonntags öffnet 14-18 Uhr die Kaffeeschänke. Inzwischen beschäftigt Doris Kasper sogar drei Mitarbeiter. Tina Rößler aus Hoyerswerda übernimmt die Organisation der Kaffeeschänke. Sie arbeitet im Service und in der Vorbereitung der Herstellung von Kuchen und handgemachtem Eis. Ilona Wünsch aus Hoyerswerda verantwortet die Reinigung. Gabriele Williger unterstützt als pädagogische Fachkraft die Kindergeburtstage. Der Erlebnishof richtet Wandertage für Schulklassen, Führungen und Eselwanderungen aus. Diese waren der Anstoß zu einer Qualifizierung im Bereich Coaching. Hierbei hat Doris Kasper ihre ureigene Begabung kennengelernt, und sie weiß heute, dass dieser Hof für viele Menschen der erste Schritt zum zufriedenen Leben sein wird.

Zimmer, Gaststätte, Toiletten und weitere Räume auf dem Hof sind sorbisch und deutsch beschriftet. Doris Kasper legt Wert darauf. Das Osterfest – alle Zimmer in der Pension waren belegt mit Urlaubern – ist für Doris Kasper nicht nur das Verzieren der Ostereier und die Eier-Suche Ostersonntag mit der Familie. Es ist vor allem ein Fest, wo tiefe Wurzeln der Vergangenheit spürbar sind und diese im kraftvollen Gesang der Osterreiter auferstehen. „Ich höre sie am liebsten sorbisch singen. Deshalb sehen wir uns jedes Jahr die Ralbitzer Prozession an. Es ist herrlich!“

www.erlebnishof-kasper.de



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