Ein Nachruf auf Hoyerswerda-Neustadt


von Tageblatt-Redaktion

Foto: TB-Archiv / Sammlung Schwieger

Ein Abgesang auf die Neustadt

von Mirko Kolodziej

Was war das Sozialistische an der zweiten sozialistischen Wohnstadt der DDR, Hoyerswerda-Neustadt? Fähnchenschwenken und Lobliedersingen waren auch anderswo zwar unbeliebte, aber dennoch oft praktizierte Tätigkeiten. Man muss sich bezüglich dieser Frage daran erinnern, was einem der Staatsbürgerkundeunterricht über den Sozialismus und das Privateigentum an Produktionsmitteln im Allgemeinen sowie an Grund und Boden im Speziellen beigebracht hat. Es gab in der gesamten Neustadt im Grunde keine privaten Flächen. Neben der Stadt waren auch die beiden anderen Eigentümer, die Kommunale Wohnungsverwaltung und die Arbeiterwohnungsgenossenschaft, nicht daran interessiert, aus ihren Grundstücken Profit zu schlagen. Mehr oder weniger fühlten auch sie sich der Gemeinschaft verpflichtet. Das hatte Folgen.

Dies ermöglichte nämlich eine Stadtentwicklung und -gestaltung zwar sicher nicht ohne Fehler, aber doch „aus einem Guss“. Daher waren in der Neustadt auch keine Abgrenzungen nötig, alles gehörte im Prinzip allen, war von allen nutzbar. Der gesamte Stadtraum stand, egal, wem eine Wiese gehörte, als gemeinschaftlicher Begegnungs- und Erlebnisbereich zur Verfügung. Das ist, was der niederländische Architekturhistoriker Ed Taverne noch vor zwanzig Jahren bewundernd meinte, als er die Neustadt als eine „Stadt ohne Zäune“ beschrieb. Man muss anmerken: Für die Altstadt galt das hingegen nie – zumindest nicht im selben Maße. In anderen Städten der DDR war historisch bedingt das Eigentum an Grund und Boden gleichfalls diverser verteilt, auch wenn man damit vielleicht mangels Nachfrage und wegen der strikt regulierten Preise häufig nicht so sehr viel anfangen konnte.

Das steckt wohl auch hinter der oft vorwurfsvollen Feststellung, Hoyerswerda-Neustadt sei ja „nicht natürlich gewachsen“. Die Neustadt blieb in der Grundanlage nach 1990, was sie war. Mit der Bevölkerungsabnahme einher ging der Umstand, dass Grund und Boden, obgleich zwar inzwischen handelbar, hier kaum auf Nachfrage trafen. Das ändert sich mittlerweile, wie nicht nur die Diskussion um die „Neue Kühnichter Heide“ im WK IX deutlich macht. Der einst einheitliche Stadtraum wird – für Außenstehende „natürlich“ – zu Immobilienhäppchen filetiert. Die Zäune wachsen. Versuchen Sie mal, das neue Wohngebiet Paul-Ehrlich-Straße im WK V von der Hufelandstraße zur Südstraße zu durchqueren! Wo es einst zu Kinder- und Jugendeinrichtungen Flächen gab, die öffentlicher hätten nicht sein können, herrscht heute Exklusivität. Fremde bitte draußen bleiben! Der Umstand, dass es nicht einmal Fußgängerwege gibt, passt dazu ganz hervorragend.

Eine einheitliche Stadtentwicklung in der Neustadt ist nicht einfach nur so passé. Die, die es könnten, versuchen zudem nicht einmal, irgendwie regulierend einzugreifen. Für die Altstadt existiert immerhin eine Gestaltungssatzung. In der Neustadt können Bauherren im Grunde tun und lassen, was sie wollen, solange es nur dem Baurecht entspricht. Es gab in den 1990ern einmal ein Programm mit einem recht dämlichen Namen. Es hieß „Von der Wohnsiedlung zur Stadt“. Die Initiatoren hatten wohl nicht begriffen, dass Hoyerswerda-Neustadt durchaus schon eine Stadt war, allerdings die Stadt eines anderen Typus. Die, die das so nicht kannten, fanden das wohl irgendwie abartig. Inzwischen scheinen sich die Verfechter der Wohnsiedlung jedoch durchgesetzt zu haben, wenn auch im Plural: Wohnsiedlungen.

Heute, wo jeder mit dem entsprechenden Geldbeutel sich sein Filetstück herausbeißen, frei nach Gusto bebauen und vor der Allgemeinheit abschirmen darf, hat die Neustadt, wie sie einmal gedacht war, längst aufgehört, zu existieren. Sie ist immer weniger etwas Besonderes. Der Kapitalismus ist dabei, sie gleichzuschleifen. Eine Stadt ist nach dieser Logik kein Ort für Gemeinschaft, sondern eine Ansammlung privater Immobilien mit nur wenigen ausgesuchten Flächen für alle. Wer von der Einsteinstraße aus in Richtung Lausitz-Center geht, bekommt einen Begriff davon. Wo einst hunderte Menschen in einem Hochhaus zusammenlebten, hat man heute links einen Zaun und rechts einen Zaun. Die Neustadt wird wohl langsam wenigstens zum Paradies für Zauneidechsen.

Und doch gibt es inzwischen wieder Leute, die davon träumen, dieses einst als neuartige Stadt für Zusammenhalt, gemeinschaftliche Aktivität und solidarische Initiativen entworfene Projekt zumindest teilweise unter Denkmalschutz oder gleich unter den Schutz der Unesco zu stellen. Die Idee ist nachvollziehbar. Denn jene, die die Neustadt aufgebaut, verinnerlicht und verstanden haben, werden täglich weniger. Und die junge Generation sowie alle, die laut der Hoffnung des Rathauses in der nächsten Zeit in Scharen hierher ziehen sollen, haben natürlich keine Ahnung, dass die zugrundeliegende Idee jene ist, dass eine Stadt mehr sein kann als eine Ansammlung von Häusern, Straßen und Eigenheimgebieten, nämlich so eine Art Konföderation vieler unterschiedlicher Menschen.

Dieser Meinungsbeitrag erschien zuerst am 13. Oktober im Hoyerswerdaer Tageblatt.

Foto: Mirko Kolodziej
Foto: Mirko Kolodziej
Foto: Mirko Kolodziej
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Kommentare zum Artikel:

Cindy Schmidt schrieb am

Dieser Kommentar trifft genau mein Gefühl. Die Neustadt war schon immer gefühlt die kleine Stiefschwester. Ich habe noch von keinen nachvollziehbaren Gründen gehört, warum bestimmte Häuser abgerissen werden müssen. Exemplarisch hier die Günter-Peters-Straße 1-7, die es als Beispiel der Großplattenbauweise sogar ins Haus der Deutschen Geschichte in Bonn geschafft hat, die aber bald nicht mehr am Originalplatz zu finden sein wird. In meinen Augen das größte Armutszeugnis von Stadtplanung. Natürlich hat es wirtschaftliche Gründe, leerstehende Häuser abzureißen. Aber warum mitten aus einem geschichtlich bedeutsamen Ensemble heraus?

Volker Jung schrieb am

Das war mir auch aufgefallen bei einem meiner Besuche, dass Hoyerswerda die einzige mir bekannte Stadt ist (war), in der es keine Zäune gab und die damit die einzig wahrhaft freie Stadt mit echter Möglichkeit der Begegnung gab. Dieses Alleinstellungsmerkmal nun dem Kommerz zu opfern, ist an Kurzsichtigkeit und Sinnlosigkeit nicht zu überbieten. Vielleicht findet sich ja jemand, der dieses herausragendste Kulturgut dieser Stadt erhalten will und aus ihr nicht das macht, was andere Städte schon sind, Wohnbunker, in denen sich jeder schon vom Nachbarn direkt nebenan möglichst mit einer dicken, hohen Mauer abschottet. Wer so wohnen will, hat dafür nahezu beliebig viele andere Städte zur Verfügung, da muss nicht auch noch diese so umgewandelt werden.

Hans Hein schrieb am

Dieser Kommentar ist genau das, was viele in Hoy wahrnehmen.
Auch der wahllose Abriss mancher Wohnblöcke ist nicht nachvollziehbar, leuchtet aber ein, wenn ein Zuständiger eines Großvermieters äußert, nicht mehr als 100.000 Euro pro Wohnblock zur Sanierung auszugeben.
Mitten in der Stadt entstehen durch Abriss Lücken, die Versorgungsleitungen müssen aber trotzdem im Boden bleiben, statt Schrumpfung von außen nach innen. Das EKZ im WK 9 ist so unnütz, da auch zu Vollbebauung des WK 9 die Grünewaldpassage wenig besucht war. Wir wohnten im WK 9 und waren immer im Lausitz-Center oder Globus, Kaufland einkaufen.

Michael B. Butter schrieb am

Lieber Mirko! Ich habe Dich ganz einfach durch die Nennung Deines Namens im WWW gefunden... und es hat nicht mal eine Tausendstel Sekunde gedauert! Der Artikel ist ganz "Mirko"! Gut recherchiert, pfiffig, auf den Punkt, faktenreich und mit Bezug auf die großen Bruchlinien. Da fehlen auch die "Zauneidechsen" nicht! (Vor meinem geistigen Auge entstand spontan dein Porträt mit dem verschmitzten Lächeln!) Tja! Was sagt man als ehemaliger Wahl-Hoyerswerdaer (jetziger Radebeuler...) dazu? Es ist wirklich schade und sehr betrüblich, dass die Entwicklung diesen Weg genommen hat! Man kann dem ganzen nur etwas Positives abgewinnen, wenn man bedenkt, wie es anderen Ex-Industrie-Städten ging (wäre eine lange Liste...)

Ich verbleibe mit ganz, ganz herzlichen Grüßen: Michael B. Butter

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