Ein halbes Jahrhundert Hörfunk aus Zeißig


von Tageblatt-Redaktion

Marke für Hoyerswerda - der 176 Meter  hohe Zeißiger Funkturm.
Marke für Hoyerswerda - der 176 Meter hohe Zeißiger Funkturm.

Übersehen kann man den rot-weißen Stahlgittermast eigentlich kaum. Er markiert die Stadt Hoyerswerda etwa so, wie es zum Beispiel auch der Turm der Johanneskirche tut. Allerdings überragt der eiserne Riese in Zeißig mit seinen 176 Metern den Kirchturm sogar um stolze 121 Meter. Und obwohl er offiziell auf dem Grundstück Bautzener Straße 43a zu finden ist, hat man in seiner Nachbarschaft eine Straße nach ihm benannt. „Am Sender“ heißt sie.
Technisch korrekt müsste die Anschrift „Am Sendemast“ lauten. Denn ein Sender im eigentlichen Sinne war nur der Vorgänger des heutigen Turmes, der laut Wolfram Gebauers Broschüre über „Bemerkenswerte Gebäude“ in Zeißig im November 1997 nach 36 Jahren Betrieb gesprengt wurde. Der lediglich 105 Meter hohe Turm war demnach ein „selbststrahlender Stahlgittermast“. Zunächst verbreitete er via Mittelwelle auf der Frequenz 746 kHz das Programm von Radio DDR I, später auf der UKW-Frequenz 100,4 MHz auch DDR II sowie über Mittelwelle 999 kHz den Berliner Rundfunk, ab 1992 Rias Berlin und bis zur Stilllegung 1995 dessen Nachfolger, das Deutschlandradio Berlin.
Der neue, 1996 errichtete Mast ist im Gegensatz zum Vorgänger, der zunächst offiziell „Sendestelle Schwarze Pumpe“ hieß, lediglich ein Antennenträger. Er gehört der 2002 gegründeten Telekom-Tochter Deutsche Funkturm mit Sitz in Münster. Sozusagen als Untermieter hat die Bonner Firma Media Broadcast (MB), die der französischen TDF-Gruppe gehört, daran die eigentlichen Antennen angebracht. MB-Sprecher Holger Crump erklärt etwas schmallippig: „Der Funkturm wird zur Verbreitung von Radio im UKW-Bereich genutzt. Derzeit werden neun Sender über den Turm ausgestrahlt. Technische Daten dazu können wir leider nicht übermitteln.“ Mit ein wenig Recherche in einschlägigen Internet-Foren lässt sich aber herausfinden, dass die Antennen wohl in Höhen zwischen 88 Metern (Elsterwelle sowie R.SA) und 170 Metern (mdr 1 Radio Sachsen) angebracht sein dürften. Dabei geht es zwar technisch gesehen um neun Sender, allerdings um nur acht Programme. Denn der Mitteldeutsche Rundfunk nutzt für sein Landesprogramm nicht nur die mit 30 Kilowatt sehr leistungsstarke ehemalige Radio-DDR-Frequenz 100,4 MHz, über die auch der sorbische Hörfunk ausgestrahlt wird. Es gibt daneben noch einen 1-Kilowatt-Sender auf 93,0 MHz. Gänzlich ungetrübt ist das Verhältnis der Zeißiger zu „ihrem“ Sender nicht. Als es vor anderthalb Jahrzehnten um den Neubau ging, reimte ein Ortschaftsrat: „Der Mast war schon immer eine Last.“ Er berichtete damals, es reiche mitunter, den Telefonhörer abzunehmen und schon dudele darin das Radio.
Der vor 50 Jahren aufgestellte Turm aus dem VEB Funkwerk Berlin Köpenick war zudem noch aus einem anderen Grund gefährlich, weiß Wolfram Gebauer: „Weil jede Berührung dieser Riesenantenne während des Sendebetriebes schlimme Folgen für den Betreffenden gehabt hätte, wurde das Umfeld des Gittermastes zusätzlich durch einen Zaun abgesperrt.“ Der Fuß des 80-Tonners ruhte auf einem extrafesten Keramik-Isolator.
Der Zaun ist noch immer da. Er schützt, wie Telekom-Sprecher Georg von Wagner verrät, nicht nur den Hörfunk-Turm und den seit 1993 auf demselben Grundstück zu findenden Mobil- und Richtfunkmast mit 67 Metern Höhe. „Auf dem Gelände befindet sich eine Trafostation des Energieversorgers, die die Spannung in den üblichen Bereich umsetzt und die entsprechende Leistung zur Verfügung stellt“, so von Wagner. Er erklärt auch, wie die Signale aus den Funkhäusern der MB-Kunden in Berlin, Dresden, Leipzig, Halle und Hoyerswerda nach Zeißig gelangen: „Die Antenneneinrichtungen werden von den jeweiligen Sendeeinrichtungen über spezielle Hochfrequenzkabel versorgt.“ Einen Turmwärter gibt es aber nicht. Der Zaun muss reichen. Es gibt laut dem Telekom-Sprecher lediglich regelmäßig systematische und eingehende Untersuchungen der Anlagen durch Fachleute: „Werden dabei bauliche Defizite festgestellt, so werden diese beseitigt.“ Schließlich hat die Errichtung des Turmes 1996 stolze 1,2 Millionen Mark gekostet. Da soll der damals in Hamburg gefertigte Mast natürlich möglichst lange seinen Dienst tun.
Und ganz so simpel, wie sie beim Vorbeifahren auf der Bundesstraße 96 aussieht, ist die ganze Angelegenheit nicht. So berichtet Wolfram Gebauer, dass der Turm nach seiner Fertigung im hohen Norden zunächst nach Köln gebracht worden sei. Dort habe die verzinkte Stahlkonstruktion mehrere konservierende Farb-Anstriche erhalten. Vom Rhein aus habe man sie dann, zerlegt in jeweils zehn Meter lange Sektionen, per Tieflader nach Zeißig geschickt. Und verglichen mit dem 1961 errichteten Mast sei die Technik natürlich viel ausgefeilter: „Wo einst große, schwere Aggregate die Räume im Sendegebäude füllten, stehen heute einige wenige Schränke, an denen Kontrollleuchten anzeigen, dass alles in Ordnung ist. Und wenn eine Störung auftritt, schaltet die Automatik selbst eine Reservelösung ein.“
Doch ab und an müssen Experten eben doch einmal nach oben steigen. Mit welchen Dimensionen sie es dabei zu tun bekommen, zeigte eine Höhenrettungs-Übung in Zeißig vor gut einem Jahrzehnt. Fast eine Stunde dauerte es damals, bis eine Testperson, die unterhalb der untersten Plattform an einem Sicherungsseil hing, aus luftiger Höhe zur Erde gebracht war. Wie man bei der Übung erfahren konnte, dürfen die sogenannten Steigberechtigten auch nie allein in die Höhe. Und auf solchen relativ hohen Masten wie jenem in Zeißig gibt es alle 60 Meter eigens eine Plattform samt wetterfester Kiste mit Rettungsgerät zum Abseilen. Für einen Ernstfall hat man es hier allerdings bisher gottlob noch nie zum Einsatz bringen müssen.



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Kommentare zum Artikel:

Gürtler, Bruno schrieb am

Dort habe ich mal einige Jahre gearbeitet und auch solche Masten bestiegen (Damals aber nicht so hoch sondern nur 105m). Habe in Schwarzenberg einen solchen, nicht ganz so hohen Mast mit aufgebaut (37 m waren es wohl). Habe schöne Erinnerungen an diese Zeit. Mein früherer Chef am Sender war Jochen Nestler.

mit freundlichen Grüßen aus Mannheim

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