Ein Abschiedslied für Haidemühl


von Tageblatt-Redaktion

Hagen Rittel ist 2006 von Alt- nach Neu-Haidemühl umgezogen und heute ganz zufrieden damit. Foto: Gernot Menzel
Hagen Rittel ist 2006 von Alt- nach Neu-Haidemühl umgezogen und heute ganz zufrieden damit. Foto: Gernot Menzel

Gerade hat Hagen Rittel darüber sinniert, dass das Schicksal der Haidemühler ja nun nicht beispiellos ist, dass Menschen wegen Kriegen, Autobahn-Bauten, militärischer Projekte oder Umweltkatastrophen ihre Heimat verlassen müssen, da greift er sich seine Gitarre und stimmt ein Lied an: „Hier war mal die Blaue Maus, an ihrer Stelle steht ein Bagger.“ Es folgen auf die Melodie von „Über den Wolken“ acht Strophen über die Umsiedlung von Haidemühl. Seit 1996 ist nach und nach ein Lied gewachsen, das ein wenig über die Vergangenheit von Hagen Rittel und den anderen Haidemühlern berichtet. Es ist voller Ironie und Schalk.

Zurück blickt es eigentlich nur am Anfang, wenn es ums ehemalige Kulturhaus geht, die „Blaue Maus“ eben. Dann dreht es sich sieben Strophen lang darum, was die Abbaggerungs-Entschädigung so alles möglich machen würde: ein Fußball-WM-Spiel im neuen Heide-Stadion mit Platz für 90 000 Leute zum Beispiel, immer reichlich Geld dank „Laubag-Visa-Karte“ oder ein Bürgerhaus mit verchromten Wänden. „In Neu-Haidemühl wird die Freiheit ganz grenzenlos sein“, singt Hagen Rittel. Nun, ganz so ist es nicht gekommen.

Aber trotzdem: Das gleich neben dem Spremberger Ortsteil Sellessen neu gebaute Haidemühl kann sich, vielleicht abgesehen davon, dass hier noch keine großen Bäume stehen, durchaus sehen lassen. Der Bergbau hat sogar einen Aussichtsturm spendiert, von dem aus man einen guten Rundblick hat.

Hagen Rittel zeigt das Dorfgemeinschaftshaus, in dem es auch einen Jugendklub gibt, das danebenstehende Feuerwehrgebäude, den Park der Erinnerung, den neuen Teich für die Angler sowie Schule, Turnhalle und Kita, die genau auf der Grenze zwischen Haidemühl und Sellessen stehen. Der Nachbarort hat von den Umsiedlern profitiert. Bevor sie kamen, stand die Schule dort vor der Schließung. Auch die Fußballer von Grün-Weiß Sellessen bekamen Verstärkung. Man sieht in Haidemühl, wo rund 600 Menschen zu Hause sind, auch sehr schöne Häuser. Gut, Geschmack liegt im Auge des Betrachters. Aber uniform ist hier nichts.

Hagen Rittel sieht es so: Einmal stand vor dem Umzug bei jedem einzelnen Haidemühler die Frage, was sozialverträglich ist. Das konnte bei älteren Leuten, die ursprünglich ein großes Haus hatten, auch ein kleineres, leichter zu bewirtschaftendes sein. Neben der persönlichen Entschädigung aber findet Rittel etwas anderes fast noch wichtiger: soziale Infrastruktur, Freiräume für Großfamilien und Vereine – fürs Zusammenleben im Dorf.

Lebenszufriedenheit eben. Der 46-Jährige findet, das habe man in Haidemühl ganz gut hinbekommen. Er hat es wohl geahnt, heißt es doch in seinem Lied: „Und der Ort, der jetzt groß und wichtig erscheint, wird dann nichtig und klein.“ Hagen Rittel war einmal ein Gegner der Umsiedlung. Drei, vier Jahre nach der ersten Bürgerversammlung aber, sagt er, habe sich seine Einstellung langsam verändert. „Es ging darum, dass der Bergbau beweisen musste, dass er sozialverträglich umsiedeln kann. Da konnte man inmitten einer ökonomisch bestimmten Gesellschaft plötzlich moralisch argumentieren.“

Es war hier also – erkannte er wie andere aus dem Dorf – mehr möglich, als es das zu DDR-Zeiten gewesen wäre. In seinem Lied hat er die historische Vorgehensweise aufgezeigt: „Das kleine Haus dem Staat vermacht, neue Anschrift: Haidemühler Straße, in Hoyerswerda WK acht.“

Für manche, sagt Rittel, wäre er ein Verräter gewesen. Er verschweigt auch nicht, dass einige Nachbarn mit dem Abbruch ihres Ortes nicht fertiggeworden sind. Aber 85 Prozent der Ortsbevölkerung seien eben doch gemeinsam umgezogen. „Das hat es vorher noch nicht gegeben“, versichert der Lehrer. Seit sieben Jahren lebt er nun im neuen Dorf und ist vor allem sehr zufrieden, dass er sich wieder mit anderen Dingen befassen kann als mit Abbruch, Entschädigung und Wiederaufbau. „Ich war über Jahre so etwas wie ein hauptberuflicher Umsiedler“, juxt er.

Er habe oft gelitten, war auch verzweifelt. Häufig habe er gesagt, dass man da wohl einfach durchmüsse:„Und jetzt, am neuen Standort ist alles ganz einfach.“ Nur manchmal im Sommer, erzählt er, fährt er noch ins alte Dorf zurück, das auf den Kohle-Bagger wartet. Er nimmt dann einen Klappstuhl und setzt sich unter den Apfelbaum auf seinem früheren Grundstück. Auf dem Stamm sind zwei Sorten aufgepfropft, weshalb der Baum zweimal im Jahr Früchte trägt. Umzusiedeln war er leider, leider nicht.

Unsere Serie endet hier. Sie begann am 5. Januar mit dem Teil über Neida. Insgesamt befassten wir uns seither mit 15 abgebaggerten Orten.



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