Der Zauber der Notkirche


von Tageblatt-Redaktion

Das Innere des Lutherhauses ist schlicht und gemütlich zugleich.
Das Innere des Lutherhauses ist schlicht und gemütlich zugleich.

Manchmal ist es ein glücklicher Umstand, kein Geld zu haben. Denn dann werden Dinge zuweilen nicht verändert und bleiben so erhalten, wie sie geschaffen wurden. Dem Lutherhaus neben der Johanneskirche ist dieses Glück widerfahren. Sechs Jahre nach der Zerstörung der Stadtkirche und sechs Jahre vor ihrer Einweihung als reparierte Johanneskirche wurde nebenan eine kleine Notkirche gebaut.

Das Holz schafft Gemütlichkeit. Die hell gestrichene Dach-Innenverkleidung und die großen Dreiecksgiebelfenster sorgen wiederum für Helligkeit im Raum. Jahrzehntelang sorgte ein Ofen in der Ecke im Winter für Wärme. Und als 1967 die Eule-Orgel in die Johanneskirche einzog, kam das Orgelpositiv aus der großen Kirche in das Lutherhaus mit seinen rund 120 Sitzplätzen. Anfang der Achtzigerjahre folgten ein Anbau für Toiletten und Küche. Es gibt eine schiefe Ebene für Rollstuhlfahrer. Heute ist das Lutherhaus Gemeindehaus und Winterkirche und gleichzeitig ein Stück unverbauter Architekturgeschichte. Freilich wurde schon vor Jahren das Dach erneuert und gedämmt, und auch die Giebelfenster werden wohl irgendwann ausgetauscht. Aber es soll im Wesentlichen so bleiben, wie es ist.

Denn das Lutherhaus ist eine der sogenannten „Notkirchen“, die zwischen 1947 und 1952 im Rahmen zweier internationaler Hilfsprogramme in ganz Deutschland (West und Ost) errichtet wurden. Diese seriell vorgefertigten Typen- oder Montagekirchen wurden von Otto Bartning (1883-1959) entworfen, dem Begründer des modernen protestantischen Kirchenbaus. Er gilt als der wichtigste deutsche evangelische Kirchenbaumeister des 20. Jahrhunderts, dem allein 150 Kirchen im In- und Ausland zugeschrieben werden. Der Architekt der Klassischen Moderne war zusammen mit Walter Gropius Begründer der Idee für das Bauhaus.

Otto Bartnings „Notkirchen“ waren übrigens nicht als Provisorien gedacht, sondern sollten den Aufbruch in schwerer Zeit „aus der Kraft der Not“ glaubhaft verkörpern, haben Architekturgeschichte geschrieben. Es gibt sogar eine Initiative, diese „Notkirchen“ in die Liste des Weltkulturerbes aufzunehmen. „Beim Lutherhaus handelt es sich um eine der kleinen Formvarianten, den Typ «Diasporakapelle», der im Unterschied zu den großen Notkirchen für Großstädte in erster Linie für Gemeinden im ländlichen Raum mit einem Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen gedacht war“, erläutert Torsten Vogel, Vorsitzender des Hoyerswerdaer Kirchbauvereins.

Genau 33 dieser Diasporakapellen wurden in Deutschland gebaut. Sie waren so konzipiert, dass viel Holz zum Einsatz kam und ansonsten auch Bruchmaterialien beispielsweise aus Ruinen verwendet werden konnten. Zum Tag des offenen Denkmals 2013 präsentierte der Kirchbauverein am Sonntag das Haus und zeigte eine kleine Fotoausstellung mit Bildern von 20 Kirchbauten Otto Bartnings. Darunter ist auch die Christuskirche von Bonn-Bad Godesberg oder der Entwurf einer nie gebauten Sternkirche. Eine Präsentation lief ebenfalls. Beides wurde zur Verfügung gestellt von der Otto-Bartning-Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau in Berlin. Und zumindest die Ausstellung ist noch bis Sonntag, dem 15. September hier zu sehen. Man muss sich lediglich bei der Aufsicht in der Johanneskirche anmelden.

Und das Lutherhaus in Hoyerswerda soll so bleiben, wie es ist. Als gut erhaltenes Exemplar aus dem Notkirchen-Programm hat es eben nicht nur Bedeutung für die Kirchgemeinde, sondern auch für Architekturfreunde.
www.otto-bartning.de



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