Der letzte Sommer der Kuhn’schen Gärten


von Tageblatt-Redaktion

Viele Gärten am südwestlichen Elsterbogen sind, wie jener im Bild, schon verlassen. Seit zwei Jahren ist klar, dass die Land-Eigentümerin nicht mehr in der Lage sein würde, sich um ihre Pächter zu kümmern. Die Frau nimmt nun den Notausgang und löst die An
Viele Gärten am südwestlichen Elsterbogen sind, wie jener im Bild, schon verlassen. Seit zwei Jahren ist klar, dass die Land-Eigentümerin nicht mehr in der Lage sein würde, sich um ihre Pächter zu kümmern. Die Frau nimmt nun den Notausgang und löst die An

Schwer trägt der Apfelbaum im Garten von Waldtraut Siegemund. Die Äpfel sind groß – Sorte Albrechtsapfel. „Der Baum ist 80 Jahre alt“, sagt die Kleingärtnerin, die in einem Stuhl unter dem Baum sitzt. Sie selbst ist nur fünf Jahre jünger als er. Es ist ihr letzter Sommer hier auf der Parzelle. Die „Kuhn’schen Gärten“ zwischen Johanneum und Jugendfarm verschwinden. Ende November soll das Gelände schon beräumt sein.
Bereits jetzt sind viele der Gärten verwildert. Es fehlen Zäune, Wege sind zugewuchert, und auch Lauben wurden schon weggerissen. Eine davon sowie die Vorderfront einer zweiten stehen derzeit im Museum in der Ausstellung „Wer so einen Garten hat, fühlt sich wohl in der Stadt“. Das war bisher auch das Motto von Waldtraut Siegemund. Das war auch schon das Motto ihrer Eltern, als sie sich hier in den Dreißigern einen Garten nahmen.
Die elterliche Parzelle gibt es schon nicht mehr. Sie fiel dem Bau der heutigen Elsterstraße zum Opfer. Früher, sagt Waldtraut Siegemund, reichten die „Kuhn’schen Gärten“ bis an den Damm der Schwarzen Elster. Die Anlage ist eine der ältesten in der Stadt. Zu verdanken ist sie dem Inhaber der Drahtzieherei Kuhn. Er verpachtete sein Land am Fluss ab 1919 an interessierte Schrebergärtner. Das tut bis dato auch seine Enkeltochter. Nur: Die inzwischen auch recht betagte Frau lebt seit gut einem Jahrzehnt nicht mehr in Hoyerswerda, sondern in Wernigerode. Und ihr Schwager, der sich bisher um die Pachtangelegenheiten gekümmert hat, zieht bald nach Saalfeld.
Waldtraut Siegemund sagt, die meisten in den „Kuhn’schen Gärten“ würden die Sache einsehen und hätten sich in ihr Schicksal gefügt, seit vor zwei Jahren die erste Absichtserklärung zur Kündigung in die Parzellen flatterte. Schließlich: „Verdient hat sie an uns nichts.“ Ein Nachbar, der seinen Garten schon weitgehend geräumt hat und deshalb auf einem umgedrehten Eimer sitzend ein Bier trinkt, bestätigt: „Im vorigen Jahr habe ich 60 Euro Pacht bezahlt – inklusive Wasser und Strom.“
Natürlich freut sich hier niemand über das Ende der Anlage. Man hängt an der Scholle – gerade dann, wenn sie mitten in der Stadt liegt. Deshalb ackerten hier zuletzt so viele ältere Leute. Sie konnten auf lange Fahrten mit Rad oder Auto verzichten. Und was das im alternden Hoyerswerda bedeutet, ist klar. „Hier stand nie ein Garten lange leer. Wurde einer frei, war er bald vergeben“, sagt Waldtraut Siegemund. Nicht alle 25 Gärten zwischen Johanneum und Jugendfarm werden bald nicht mehr da sein. Neben der Kuhn’schen Enkelin haben hier auch zwei weitere Landbesitzer je drei Parzellen verpachtet. Sie wohnen unweit davon, am Burgplatz. Einer der beiden ist Karl Hauska. „Ich werde das machen, so- lange es geht“, sagt er. Sein Vater hat in Richtung Elster noch Ackerbau betrieben, erzählt Karl Hauska. Das Gebiet südwestlich des Elsterbogens ist wohl schon lange landwirtschaftlich genutzt. Die Flussnähe wird das ihre dazu getan haben. Waldtraut Siegemund berichtet davon, wie einst ein Wasserzulauf von der Alten Elster zu den Gärten gelegt wurde. Später nutzte man auch das Wasser vom Plantschbecken des Freibades, an dessen Stelle heute das Johanneum steht. „Jeden Tag um 18 Uhr wurde das Plantschbeckenwasser abgelassen. Da stürzte alles in die Gärten“, sagt Waldtraut Siegemund. Das ehemalige Wasserbassin in ihrem Garten schüttet sie inzwischen mit ihren riesigen Albrechtsäpfeln zu. Sie sind dieses Jahr wurmstichig, weil es irgendwie mit den Leimringen am Stamm nicht geklappt hat. Im Oktober wird Waldtraut Siegemund ihre Laube abreißen lassen. Der Baum aber, sagt sie, könne stehen bleiben. Er wird ein Denkmal für die „Kuhn’schen Gärten“ sein .



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