Das Zeitgeist-Baby


von Tageblatt-Redaktion

Gute drei Monate ist Finn jetzt alt. Heute Abend kann man bei RTL II die ersten Tage seines Lebens mitverfolgen. Foto: Mirko Kolodziej
Gute drei Monate ist Finn jetzt alt. Heute Abend kann man bei RTL II die ersten Tage seines Lebens mitverfolgen. Foto: Mirko Kolodziej

Finn ist vielleicht nicht unbedingt das, was man ein aufgewecktes Kind nennen würde. Friedlich schlummert er in seinem Kinderwagen. Fürs Foto muss seine Mutter ihn vorsichtig wach machen. „Er schläft durch“, sagt Jasmin Helmeke aus der Hoyerswerdaer Neustadt. Ihr Sohn ist wahrscheinlich der erste Hoyerswerdaer, dessen Geburt man europaweit im Fernsehen mitverfolgen konnte. Zu sehen war sie vor einer Woche in der Reihe „Teeniemütter – Wenn Kinder Kinder kriegen“ beim Trashkanal RTL II. Heute Abend läuft der zweite Teil der Reportage.

In den letzten Tagen hatte Jasmin Helmeke schon reichlich Resonanz. „Es war unterschiedlich. Viele fanden es toll, manche nicht so“, erzählt die 19-Jährige. Und: Eine ganze Reihe der Kommentare zur Fernsehgeburt kamen von Leuten, die sie vorher nicht kannte – nämlich über ihre Internetpräsenz bei Facebook, einer Art öffentlichem Tagebuch mit Korrespondenz-Funktion. „Internet ist schon mein Ding, Fernsehen auch“, sagt Jasmin Helmeke.

Insofern ist der Umstand, dass sie sich bei ihrer ersten Geburt filmen ließ, wohl nur Ausdruck des Zeitgeistes. Immer weniger Momente im Leben sind unbeobachtet und nicht fotografiert, gefilmt oder im Netz kommentiert. Im Magazin „Time“ war am Montag zu lesen, dass Familien vor 50 Jahren in der Regel drei Fotos im Haus hängen hatten: Schule, Hochzeit und vielleicht eines vom Militär. „Heute stellt die Durchschnittsfamilie 85 Bilder von sich und ihren Haustieren aus“, schrieb Autor Joel Stein. Da ist die Fernsehgeburt nicht weit, zumal immer mehr Kanäle natürlich mit immer mehr Inhalt gefüllt werden wollen.

„Viele meinten, es wäre ihnen zu privat“, sagt Jasmin Helmeke über die Kritik am Dreh im Kreißsaal. Sie sagt auch, sie habe sich vorher eigentlich kaum Gedanken darüber gemacht, dass Gebärende nicht unbedingt filmreif aussehen oder es medizinische Komplikationen geben könnte. Auch das Honorar sei nicht ausschlaggebend gewesen: „Ich habe erst hinterher erfahren, wie viel das sein würde.“ Die Überlegung sei einfach gewesen: Sie und ihre Mutter mögen die Sendung. Dazu habe sie nun auch noch eine schöne filmische Zusammenfassung von der Geburt des ersten Kindes und dem Einzug in die erste eigene Wohnung.

Und: Es gab laut Klinikum, wo Finn im Februar zur Welt kam, vorher durchaus Absprachen, was man aus welcher Perspektive filmen kann und was besser nicht. „Bei Jasmin sieht man, dass sie eine Familie hat, die sie unterstützt“, sagt Patrick Dopatka. Er ist der neue Freund der jungen Mutter, nachdem diese sich von Finns Vater getrennt hat, und fasst damit zusammen, was sie Wohlwollendes von Fernsehzuschauern hört: „Viele finden mein gutes Verhältnis zu meiner Mutti toll. Andere haben gelobt, dass ich gut tanzen und malen kann.“ Jasmin Helmeke ist nämlich Mitglied der Funken des Karnevalsvereins HKC und gestaltete bei einem der 19 Besuche des Filmteams in Hoyerswerda eine Zimmerwand farblich.

Es war schon 1968, als der Maler Andy Warhol den berühmten Satz sagte, in der Medienwelt könne künftig „jeder für 15 Minuten weltberühmt sein“. Jasmin Helmeke hat den Satz nie gehört. Er gehört inzwischen einfach zur Lebenswirklichkeit ihrer Generation, der zwischen 1980 und 2000 geborenen „Millennials“. Sie hätten, konstatiert Joel Stein, auf Facebook, Youtube, Twitter oder Instagram, also im Web, inzwischen so etwas wie eigene „Micro-Celebreties (Mini-Berühmtheiten) – oder eben auch auf Spartenkanälen wie RTL II.

Den Generationen vorher, vor allem den Babyboomern der 40er bis 60er Jahre mag das fremd vorkommen. „Ich schicke meine Patientinnen nicht ins Fernsehen, sondern höchstens zur Fürsorge“, sagt ein Hoyerswerdaer Gynäkologe, der die Zusammenarbeit mit RTL II abgelehnt hat, als die Produktionsfirma „sagamedia“ anrief.

Jasmin Helmeke muss lächeln, als sie das hört. Natürlich sei sie bei der Schwangerschaftsberatung des Roten Kreuzes im Einsteinhaus gewesen und das habe ohne Zweifel auch sehr geholfen. Aber im Internet, sagt sie, sei es eben ziemlich einfach, andere junge Mütter zu finden, die in ganz ähnlichen Problemlagen stecken wie sie selbst. Man wird zugeben müssen: Im realen Leben hätte man danach in Hoyerswerda wohl einige Zeit zu suchen.



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