Das Phänomen, das Geschenk und die Gene


von Tageblatt-Redaktion

Victor Vella, Rekordläufer aus Malta, hat sein Quartier in der Altstadt aufgeschlagen.
Victor Vella, Rekordläufer aus Malta, hat sein Quartier in der Altstadt aufgeschlagen.

Von Uwe Jordan

Laufen habe ich immer gehasst. Nur weil ein Freund mich getriezt hatte, wenn ich schon in Rom lebe, könne ich doch auch mal den Rom-Marathon laufen, bin ich am 17. Juli 2006 zum ersten Mal ein paar Meter gerannt. Am 1. August war es ein Kilometer am Stück. Danach habe ich kaum noch Luft gekriegt ...“ – Die Geschichte Victor Vellas; auch, dass er im selben Jahr tatsächlich seinen ersten Marathon lief, deckt sich bis hierhin mit meiner von 1999. Nur: Vella lief beziehungsweise ging seinen zwei Wochen später; am 13. August. In Rom. Bei 33 º Celsius. 6:29 h. Am 3. Dezember stand Vellas Marathon-Bestzeit schon bei 4:19:53 h: „Das war eine Botschaft an mich: «Was du tust, ist richtig!».“ Denn nicht nur war es Vellas vierter Wettkampf, auch sein Geburtsjahr 1953 findet sich in dieser Kombination wieder.

Ein Jahr später wagte er sich an den ersten „Hunderter“ – 15:24:26. Stunden. (Ich würde wohl so viele Tage dazu benötigen ...) Aber Vella war völlig unzufrieden: „Ich hatte die falsche Taktik gewählt: Laufen und Gehen im Wechsel. Das brachte nichts.“ Noch ein Jahr darauf, 2008, absolvierte er denselben Kurs. Ergebnis: 11:41:58 h. Trotzdem hat Vella jetzt am Sonnabend/ Sonntag für den 5. VBH-24-Stunden-Lauf in Hoyerswerda nur den sehnlichen Wunsch, ein kleines bisschen schneller als jene fünfzehneinhalb Stunden zu sein. Nicht, weil er in den gut fünf Jahren seither ans Kürzertreten denken würde, sondern weil er statt 100 Kilometer – 100 Meilen absolvieren will!, also 200 Kilometer. Und da wären 15:20 h minus X ein neuer Weltrekord. Und genau den will er sich hier holen.

Das alles klingt absolut verrückt. Märchenhaft. Noch viel mehr, wenn Vella zugibt, vor besagtem 2006 ganze 24 Jahre lang überhaupt keinerlei Sport getrieben zu haben. Nix, nada, niente, nol, zero. Und dann diese Erweckung; diese schier unglaubliche Leistungs-Explosion? Vella nickt. Denn in seiner Kindheit auf Malta gab es nicht viele, neudeutsch gesagt, „Freizeit-Angebote“; auch keinerlei organisierten Sport. Aber eine Mentalität: „Alles, was du kannst, das kann ich viel besser“ – die Kinder versuchten sich bei ihrem „wilden“ Sport-Treiben gegenseitig zu überbieten; sei’s nun beim Fußball oder immer länger werdenden Läufen, auch barfuß. Vella ist überzeugt: „Das alles merkt der Körper sich.

Er kann es später wieder abrufen.“ Doch wer das in der Kindheit verpasst, wird es sehr schwer haben; ja, dem werde es fast unmöglich sein, im Sport etwas zu erreichen. Darum redet er den Eltern ins Gewissen: „Gebt euren Kindern das Beste mit. Lasst sie nicht vor dem Computer, dem Fernseher oder auf der Couch. Bringt sie dazu, sich zu bewegen.“ Ob dann jeder auch ein Spitzenkönner werde, sei mal dahingestellt. Aber, und damit wären wir bei der Motivation: etwas tun könne jeder. Jeder Körper sei ein Geschenk. Das werde einem nicht gegeben, um es zu vernachlässigen oder gar wegzuwerfen – sondern um es zu entwickeln.

Nein, Vella ist kein Moralprediger, kein Gesundheitsapostel oder sonstiger Eiferer. Aber an der Sache mit dem Geschenk ist schon was dran. Für ihn umso mehr, da er sich eines besonderen Geschenkes bewusst geworden ist; des Läufer-Gens – auch wenn er es erst sehr spät entdeckt hat.

Vielleicht war da ja sogar gut so. Er denkt an den Extremlauf-Guru Tim Noakes, dessen Buch „Lore of Running“: Jeder Mensch hat 15 Jahre, in denen er absolute körperliche Höchstleistungen vollbringen kann. Ob er da nun mit 15 anfängt und mit 30 Punkt für Punkt abbaut oder wie Vella jenseits der 50 beginnt – egal. Er ist froh, dass sein Schicksal ihn auf diesen Weg geführt hat. Da gab es ein paar Anstöße. Klar, auch das Gesundbleiben-Wollen spielt eine Rolle. Aber auch immer wieder diese kleinen Zeichen wie 2009. Da lief er den Rom-Marathon.

Etwas später war eine Freundin ganz begeistert: „He – du bist auf dem Titel des «Corriere Tuttocorsa» (italienische Landesausgabe der Szenezeitschrift «Runner’s World», des größten Laufmagazins der Welt, d. Red.)!“ Vella verstand nicht: „Wo bin ich drauf?“ Er kannte die Zeitung bis dahin ja nicht mal.

Dann klappt er seinen Laptop auf, zeigt das Foto: Er, vor dem Kolosseum; herausgehoben aus allen anderen Läufern. „Das konnte ich gar nicht glauben. Ich hatte nicht gewonnen. Ich bin keine hübsche junge Frau. Ich war kein Kostümläufer. Ich kannte niemanden beim «Corriere». Ich war noch nicht mal Italiener. Und trotzdem bin ich auf dem Titel ...“

Und da war jener März 2013. Da begab er sich zu einem VO2-max-Test, bei dem festgestellt wird, welche maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit ein Mensch hat, wohl DIE entscheidende Größe, um sportliche Höchstleistungen zu vollbringen. „Der Arzt hat sich die Ergebnisse angeschaut und war der Meinung, dies müssten die Werte von einem absoluten Top-Athleten sein. Als ich das gehört habe, ging es mir durch und durch – und für mich war erst recht klar, dass außer dem Studium auch das Laufen meine Bestimmung ist.“ Mittlerweile jagt er Weltrekorde.

Einen „kleinen“ Rekord hat er schon seit 2013: Er ist der erste Malteser im Alter 60 +, der einen Marathon unter drei Stunden, jener magischen Grenze, lief. Geschafft hat er das am 24. November in Florenz. „Das Finisher-T-Shirt von Florenz ist daher mein Lieblings-Bekleidungsstück“ – und natürlich trägt er es auch auf unserem Foto. Doch das reicht ihm nicht: 2015 möchte er schneller als 2:28 h sein. Dann nämlich wäre er der schnellste Malteser Marathoni überhaupt, „... und dann gehe ich zum Olympischen Komitee und sage: «Schickt mich zu den Olympischen Spielen 2016 nach Brasilien!»

Morgen will er erst einmal den 200-Kilometer-Rekord knacken. Um 11 Uhr startet das Rennen am Hoyerswerdaer Lausitzbad, am Festplatz am Gondelteich. Gewiss: Nur ganz wenige haben die Gene eines Victor Vella. Aber das „Geschenk“ hat jeder. Und kann es ab 10 Uhr beim 24-Minuten-Barmer-GEK-Gesundheitslauf einmal ausprobieren – wie Victor Vella am 17. Juli 2006.

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