Das Fußballwunder von Neustadt


von Tageblatt-Redaktion

Angetreten zum Mannschaftsfoto
Angetreten zum Mannschaftsfoto

Von Mirko Kolodziej

Es gibt ein interessantes Foto vom Sportplatz in Neustadt/Spree. Es zeigt Fußballer nach dem Spiel unter der Dusche – im Freien. Exzellente Bedingungen stellt man sich anders vor. Das Bild ist 1995 entstanden. Hätte damals jemand prognostiziert, dass der Landsportverein (LSV) Neustadt/Spree keine zwanzig Jahre später die höchstklassige Fußball-Mannschaft der Stadtregion Hoyerswerda stellen würde, hätte es wohl Gelächter gegeben. Und doch ist es so gekommen. Nach dem Abstieg des Hoyerswerdaer SV 1919 ist der LSV nun der einzige Verein von hier, der in der Landesklasse kickt. Mit einem Spiel beim Dresdener SC geht’s heute in die neue Saison.

Neustadt ist schon ein fußballverrücktes Dorf“, sagt Rudi Schurmann, Abteilungsleiter Fußball beim LSV. Wenn die Mannschaft spielt, sind immer mindestens 100 Zuschauer auf dem Platz – bei gerade einmal knapp 400 Einwohnern. In der vorigen Saison war das Heimspiel gegen Bad Muskau das bestbesuchte der ganzen Landesklasse, die dazumal noch Bezirksliga hieß. 420 zahlende Gäste standen am Spielfeldrand. Nur mit tatkräftiger Unterstützung aus dem Dorf konnte das Vereinsheim errichtet werden, in dem neben dem LSV auch Heimatverein, Billard- sowie Jugendclub und sogar der Kindergarten zu finden sind. Aus eigener Kraft baute der LSV später sogar noch einmal an.

Und wenn winters der Platz verschneit ist, greifen nicht nur die Spieler ganz selbstverständlich zur Schneeschaufel, sondern auch die Nachbarn. „Wir können auf gewachsene Strukturen bauen“, erklärt LSV-Schatzmeister André Kowalick den derzeitigen, bisher größten Erfolg in der Vereinsgeschichte. Allerdings stecken auch Arbeit und Mühsal dahinter. Es ist beispielsweise noch nicht so lange her, da durfte ein 17-Jähriger, der geeignet gewesen wäre, nicht in der ersten Mannschaft mitspielen. Die Regeln des Landesfußball-Verbandes standen dagegen. Sie verlangen nicht nur vier Schiedsrichter je Verein, sondern auch eine bestimmte Anzahl an Jugendmannschaften. Nun lässt sich denken, dass die Anzahl an Jugendlichen in einem Dorf wie Neustadt doch eher begrenzt ist. Jedenfalls fehlte die A-Jugend und der 17-Jährige hatte, was Rudi Schurmann „Fußballverbot“ nennt.

Die Nachwuchsarbeit ist ein Kraftakt. Es gibt Spielgemeinschaften mit Reichwalde, Klitten-Boxberg, Mücka und Gebelzig. Trainiert wird im zentral gelegenen Boxberg. Es bedeutet erheblichen logistischen Aufwand, die Kinder zu transportieren. „In Dresden setzen sie sich dagegen in die Straßenbahn und können sich den Verein noch aussuchen“, sagt Rudi Schurmann. Allein in der Landesklasse sind sechs von 14 Mannschaften aus der Landeshauptstadt. Auch finanzkräftige Sponsoren, die größere Summen geben, sind dort sicher leichter zu finden. In Neustadt muss LSV-Chef Jörg Waschnick sich dagegen auf den Weg machen, um die nötigen Beträge zusammenzustottern. Die vielen Reklametafeln am Fußballplatz geben einen Hinweis darauf, wie aufwendig das sein muss.

Und Geld ist zwingend nötig, nicht nur für die Fahrten nach Dresden, Radebeul oder Bautzen sowie den Pendel-Verkehr für den Nachwuchs. Allein an Betriebskosten für das Vereinsgebäude fallen jährlich 5 000 bis 6 000 Euro an. Und die Gemeinde Spreetal hält sich mit Zuschüssen zurück. Inzwischen pflegen die LSV-Leute nicht nur den Sportplatz, sondern auch Dorfplatz und Rodelberg. Immerhin, sagt Jörg Waschnick, hat Bürgermeister Manfred Heine aber immer ein offenes Ohr, wenn es beispielsweise darum geht, für wichtige Nachwuchsspieler in der Nähe Lehrstellen zu suchen.

Je länger man den LSV-Vorstandsmitgliedern zuhört, umso klarer wird einem: An der Spree ereignet sich keine glänzende Erfolgsgeschichte, sondern eher ein kleines Wunder. Rudi Schurmann winkt also ab, wenn man ihn fragt, ob nach Kreisoberliga und Landesklasse jetzt die Landesliga angepeilt wird. „Um Himmels willen, man muss den Rasen auf dem Platz lassen“, lacht er. Saisonziel ist der Klassenerhalt.

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