Bürger stehen Eingemeindung skeptisch gegenüber


von Tageblatt-Redaktion

Gottfried Jurisch dürfte der einzige Bürgermeister im Altkreis Hoyerwerda sein, der im letzten wie auch im aktuellen Winter zig Stunden auf dem Schneepflug verbracht hat.
Gottfried Jurisch dürfte der einzige Bürgermeister im Altkreis Hoyerwerda sein, der im letzten wie auch im aktuellen Winter zig Stunden auf dem Schneepflug verbracht hat.

Herr Jurisch, das Jahr in Wiednitz endete wie gewohnt stimmungsvoll. Tanz mit stiller Pantomime am zweiten und Bärentreiben mit Frühschoppen am „dritten“ Feiertag. Wie war‘s?
Ich habe mir die Pantomime angeschaut. Es ging um die Verabschiedung unseres langjährigen Vorsitzenden des RFV Wiednitz 1900, Klaus Zschech. Wie gewohnt gab es kleine Spitzen. Insgesamt wurde aber ein positives Fazit seiner fast 30-jährigen Amtszeit gezogen. Ich schätze mal, es waren 250 bis 300 Leute auf dem Saal. Am nächsten Tag beim Frühschoppen, es war offiziell der 30., also ein Jubiläum, waren etwa 80 Personen dabei. Und es wurde zünftig gefeiert.

Wäre die Eingemeindung nach Bernsdorf auch ein Grund zum Feiern für die Wiednitzer?
Ich denke, dass die meisten Wiednitzer das nicht als Grund zum Feiern sehen. Etwa die Hälfte der Bürger steht der Eingemeindung skeptisch gegenüber. Es wird sich am 18. März zeigen, wenn der Bautzener Landrat eine Bürgerversammlung in Wiednitz abhält, wie groß der Widerstand ist.

Was sind die Vorbehalte?
Die großen Vorbehalte betreffen zum einen die hohe Verschuldung der Stadt Bernsdorf. Zum anderen gibt es die Sorge, dass unsere Vereine, Wiednitz ist nun mal ein Dorf mit vielen Vereinen, nicht mehr die Zuschüsse bekommen, die sie in den zurückliegenden 20 Jahren erhalten haben. Das betrifft zum Beispiel die Übernahme von Betriebskosten. Ich persönlich denke allerdings, dass wir um eine Eingemeindung nicht herumkommen.

Wann wird es passieren?
Ob nun in diesem oder im nächsten Jahr, irgendwann wird die Eingemeindung vollzogen. In meiner regulären Amtszeit als Bürgermeister wird das aber voraussichtlich nicht passieren.

Zurück zum Jahr 2010: Was verbuchen Sie in der Gemeinde auf der Erledigt-Seite?
Geholfen hat uns unwahrscheinlich das Konjunkturpaket. Wir haben die Turnhalle und das Sportplatz-Gebäude saniert. Natürlich hätten wir das Doppelte an Geldern gebraucht. Erledigt ist auch der Abriss des Nebengebäudes der alten Mühle in Vorbereitung auf den Bau des Radwanderrastplatzes. Diese drei Maßnahmen hatten einen Wertumfang von 120 000 Euro.

Ist auch etwas liegengeblieben?
Eigentlich wollten wird mit dem Radwanderrastplatz weiter sein. Aber auf Grund von Grundstücksproblemen und bürokratischen Hürden gelang das nicht.

Gab es etwas, was sie im letzten Jahr besonders gefreut hat?
Da gibt es einiges. Ein erfreulicher Höhepunkt war das 19. Teich- und Vereinsfest zusammen mit dem 110-jährigen Jubiläum unseres Radfahrvereins 1900. Es gab auch von den Bürgern Initiativen, wie das Sportfest mit Kleinfeldfußball oder den Weihnachtsmarkt. Die Aktivitäten unserer Vereine insgesamt sind erfreulich.

Hatten Sie auch mal Grund, sich zu ärgern?
Öfters. Angesichts der jetzigen Witterung muss ich sagen: Es kann nicht sein, dass Arbeitskräfte vom zweiten Arbeitsmarkt nicht freigegeben werden. Es ist eine Sauerei, dass Leute, die vom Staat finanziert werden, nicht zum Schneeräumen eingesetzt werden dürfen, zumal in diesem Jahr eine besondere Wettersituation vorliegt. Früher waren es 30 Leute, die mitgeholfen haben. Jetzt stehen in Bernsdorf und Wiednitz fünf, sechs Mann vom Bauhof alleine da. Was mich auch ärgert, ist die Bürokratie, die immer mehr zunimmt. Bei einer Fahrtkostenabrechnung zum Beispiel reichte früher ein kleiner Zettel. Heute müssen vier DIN-A-4-Seiten ausgefüllt werden. Es wird immer von Abbau der Bürokratie gesprochen. Ich sehe keinen Abbau. Ich sehe nur Hindernisse und Hürden, die wir überwinden müssen. Noch schlimmer ist es, wenn man Fördermittel beantragt, besonders über die Sächsische Aufbaubank. Kein Wunder, dass viele Fördermittel nicht mehr abgerufen werden. Das Aufwand-Nutzen-Verhältnis stimmt ganz einfach nicht mehr.

Über einen Wechsel der Kita in Freie Trägerschaft wurde seit Monaten nicht mehr gesprochen. Ist das Thema erledigt?
Dieses Thema ist in meiner Amtszeit als Bürgermeister vom Tisch.

Wie steht es um den Bau eines Krötentunnels unter der Bahnhofsstraße?
Darauf konnten sich die Gemeinderäte nicht einigen. Einigen ist es unbegreiflich, dass vor zehn Jahren, als die Straße gebaut wurde, von den damit befassten Naturschutzbehörden nicht gleich darauf hingewirkt wurde. Im Nachhinein ist es schwierig, eine Mehrheit für den Bau eines Krötentunnels im Gemeinderat zu bekommen. Man sieht es an der B 96 am Knappensee, wie eine Straße darunter leidet, wenn sie einmal für den Bau eines Tunnels aufgeschnitten wird. Solange es solche naturverbundenen Menschen wie den Herrn Schöne hier in Wiednitz gibt, kommen wir meiner Ansicht nach besser, wenn wir weiterhin für die vier Wochen, um die es im Jahr geht, den Krötenzaun aufstellen und betreuen, als wenn man 50 000 Euro oder mehr für den Bau eines Tunnels ausgibt.

Solarpark-Pläne beschäftigten den Gemeinderat in den zurückliegenden Monaten sehr häufig. Wie geht es hier weiter?
Es wird in dieser Angelegenheit im Januar noch mal eine interne Beratung geben. Ich denke, da wird es dann zu einer endgültigen Entscheidung kommen. Am 13. Januar im Gemeinderat werde ich informieren, was herausgekommen ist.

Im Fußball läuft es ja für die SG Wiednitz-Heide in der neuen Kreisklassen-Staffel nicht schlecht –  derzeit Platz 2. Reicht es für den Aufstieg?
Ich hoffe es. Ich bin sehr positiv überrascht, dass unsere Fußballer da oben mitmischen. Ich wünsche es ihnen, dass sie mit in der gleichen Klasse spielen wie die erste Mannschaft der TSG Bernsdorf.

Sind die Radballer des RFV Wiednitz 1900 wieder reif für die 2. Bundesliga?
Unsere Radballer haben ein sehr hohes Niveau. Aber aufgrund von Lehrausbildung und Studium kann kein kontinuierliches Training durchgeführt werden. Wöchentlich müsste man zwei- bis dreimal trainieren, um diese Klasse zu halten. Ich würde sagen, in der Sachsenliga und der Oberliga sind wir ganz gut aufgehoben.

Was wird sich die Gemeinde im Jahr 2011 leisten oder auch leisten können?
Wir werden uns einiges leisten. Wir haben vor, neue Winterdiensttechnik anzuschaffen, konkret einen Traktor mit einem größeren Schiebeschild. Wir werden Werterhaltungsarbeiten an der Turnhalle und an der ehemaligen Gemeindeverwaltung in der Bernsdorfer Straße durchführen. Mit dem Wanderrastplatz zusammen werden in diesem Jahr zwischen 130 000 und 140 000 Euro investiert werden.

Das 100-jährige Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr Wiednitz steht ins Haus. Wann und wie wird es gefeiert?
Am 16. April wird eine Festveranstaltung im „Jägerhof“-Saal durchgeführt. Es ist ja nicht nur das 100-jährige Feuerwehr-Jubiläum zu feiern, sondern auch das 60-jährige Bestehen des Spielmannszuges Wiednitz/Schwarzkollm. Wir haben jetzt schon dank der Wehrleitung und Gisela Costrau eine Broschüre in Vorbereitung, die demnächst in den Druck gehen wird. Die eigentlichen Festlichkeiten finden am 21. August beim Teich- und Vereinsfest statt. Unter anderem werden sechs, sieben Spielmannszüge auftreten. Es wird sich lohnen, nach Wiednitz zu kommen.

Und noch ein Blick voraus: Sie sprachen es an, im Herbst endet Ihre Amtszeit als Bürgermeister. Werden Sie sich wieder zur Wahl stellen?
Das ist davon abhängig, wie die Eingemeindungsverhandlungen laufen. Wenn die Gemeinderäte wünschen, dass ich mit Blick auf eine bevorstehende Eingemeindung noch ein paar Monate dranhänge, wäre das auch eine Option. Unabhängig davon bin ich als Bauhofleiter in der Stadt Bernsdorf wirklich voll ausgelastet, zum Beispiel mit Schneepflug-Fahren. Gleichzeitig trägt das aber dazu bei, sich gemeindeübergreifend zu helfen.

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