Anprobe für die Festspiel-Premiere


von Tageblatt-Redaktion

Peter Schreiber ist seiner Frau Sunhild beim Anziehen der sorbischen Tracht behilflich. Die beiden Mitglieder der Brauchtumsgruppe Schwarzkollm tanzen bei den Krabatfestspielen mit.
Peter Schreiber ist seiner Frau Sunhild beim Anziehen der sorbischen Tracht behilflich. Die beiden Mitglieder der Brauchtumsgruppe Schwarzkollm tanzen bei den Krabatfestspielen mit.

Eine Radlertruppe sitzt mit nackten Oberkörpern auf dem Hof der Krabatmühle Schwarzkollm und genießt erfrischende Getränke. Auch die anderen Tische sind gut besetzt an diesem heißen Tag. Plinsen schmecken auch bei 30 Grad. So ganz normal läuft dieser Wochenendnachmittag an der Mühle jedoch nicht ab. Unter den Besuchern befinden sich Peter Siebecke, künstlerischer Gesamtleiter der Krabatfestspiele in knapp zwei Wochen, sowie Schauspieler Steffen Urban, der bei dem Spektakel August den Starken gibt. Heute ist die erste Kostümprobe für dutzende Laiendarsteller angesetzt, fast alle aus Schwarzkollm und der Umgebung, die kürzlich bei einem Casting an der Mühle ausgewählt wurden (TAGEBLATT berichtete).
Unter ihnen sind die Mitglieder der Tanzgruppe Schwarzkollm, die gemeinsam mit dem Schwarzkollmer Chor die Brauchtumsgruppe „Krabat“ bildet. Dieser Verein feiert im Premierenjahr der Krabatfestspiele 20. Jubiläum. Nach der Wende hatten sich beide bis dato getrennt agierenden Interessengruppen zusammengeschlossen: Beide pflegen deutsches und sorbisches Brauchtum; Singen und Tanzen gehört irgendwo zusammen, und verwaltungs- sowie fördertechnisch ist ein gemeinsamer Verein sinnvoll. Acht bis zwölf Paare gehören heute zur Stammtruppe der „Tanzsparte“; der Chor hat rund 20 Sänger. „Wir haben seit der Wende Tanzgruppe und Chor kontinuierlich zusammengehalten“, sagt Sunhild Schreiber, die stellvertretende Vorsitzender der Brauchtumsgruppe und eine der führenden Köpfe der Tanzgruppe, nicht ohne Stolz. Sie gehört mit ihrem Mann Peter zu den „Urgesteinen“ des Vereins. Peter Schreiber ist sogar in beiden Sparten vertreten – er tanzt und singt mit im Chor.
Dass immer wieder junge Mitglieder nachrücken, liegt in der unermüdlichen Nachwuchsarbeit der Tanzgruppe. Vor einigen Jahren wurde eine Kindergruppe ins Leben gerufen – die ersten sind jetzt in die „große“ Gruppe aufgestiegen. Schon ganz Kleine ab drei Jahren tanzen mit, kommen auch auf Empfehlung der Kita. Gerade bei Jungen sei es wichtig, so früh anzufangen. Sind sie nämlich erst acht oder zehn Jahre alt, ist es schwerer, sie fürs Tanzen zu begeistern. Fußball ist doch viel cooler, und dann werden sie vielleicht noch von anderen gehänselt… Der Chor, dessen Mitglieder zwischen 40 und 70 Jahren alt sind, hat da leider schon eher Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden, sagt Peter Schreiber.
Die erwachsenen Tanzpaare gliedern sich übrigens in die „ältere Fraktion“ der 30- bis 50-Jährigen – die Frauen in ihrer sorbischen Festtracht tragen schwarze Hauben – und die Jungen, Unverheirateten. „Sie sind körperlich leistungsfähiger, können mehr Sprünge und Hebefiguren machen“, meint Sunhild Schreiber schmunzelnd. Traditionelle sorbische Tänze werden da einstudiert und anspruchsvoll choreografisch aufbereitet. „Wir machen Weiterbildungslehrgänge für Tänzer und Tanzlehrer, denken uns Choreos aus, legen den Programmablauf fest, organisieren“, zählt Sunhild Schreiber neben Proben und Auftritten ihr umfangreiches Pensum auf. Und sie zollt dem unermüdlichen Chef der Brauchtumsgruppe Hans-Wolf Erdmann, der sein Amt schon mehr als 15 Jahre innehat, höchsten Respekt – unter anderem auch dafür, dass er für den Verein den behördlichen Schriftverkehr übernimmt, „uns die Bürokratie vom Leib hält“.
Die Brauchtumsgruppe hat die sorbische Kultur schon bei unzähligen Auftritten regional, überregional, im Ausland… für‘s Publikum erlebbar gemacht. Die Krabatfestspiele gehören aber definitiv zu den Höhepunkten in der bisherigen Vereinsgeschichte. Peter Schreiber hat in der Aufführungswoche extra Urlaub genommen. Die Tanzgruppe wird – ganz klar – bei den Festspielen tanzen. Chormitglieder sind auch dabei – nicht als Darsteller, aber als wichtige Helfer bei der Ausgestaltung, beim Plinsenbacken…
Sunhild Schreiber hat heute ihre sorbische Tracht und die ihres Mannes mitgebracht. Sie denkt, dass die Tänzer sie bei den Festspiel-Aufführungen tragen werden. Doch zunächst müssen die Kostümbildnerinnen ein Auge darauf werfen, schauen, ob sie stilistisch passen. Im künftigen „Haus des Müllers“ auf dem Erlebnishof hängen rund 200 Kostüme im Stil des 17. Jahrhunderts – Alltags- und Festkleidung, Hüte, Schürzen, Hemden, Kleider, Hosen… alles geliehen aus sächsischen Theatern oder – für die Hauptdarsteller – extra angefertigt.
Die Anprobe ist in vollem Gang. Die freiberuflichen Kostümbildnerinnen Sylvia Fenk und Beate Ficker nehmen Maß, durchsuchen Schuhkisten und Kleiderstangen nach passenden Stücken. Ein Mädchen ist schon fertig angezogen: Kleid, Schürze, Häubchen. Nur die pinkfarbenen Turnschuhe passen noch nicht so ganz. Bei einer anderenen jungen Statistin steckt Sylvia Fenk den Rock ab. Hier muss noch etwas geändert werden. Dann vermisst sie den Umfang eines Mannes mit imposantem Bauch. „Das wird mein Koch!“, lässt „August der Starke“ Steffen Urban wissen.
Sunhild Schreiber schlüpft mit Hilfe ihres Mannes trotz Hitze tapfer in die sorbische Tracht, erklärt dem künstlerischen Leiter die Bedeutung der einzelnen Teile. Das ist auch Brauchtumspflege.
„Wer fertig angeputzt ist, kommt mal raus und wird fotografiert!“, kommandiert Peter Siebecke. Die sorbische Tracht als Tanzgruppen-Kostüm geht für die Kostümbildnerinnen in Ordnung. An diesem Sonnabend beginnen die Proben für die ersten Krabatfestspiele.
Eine weitere Premiere, ja sogar eine Uraufführung, wird es wohl im Herbst zum Erntedankfest an der Krabatmühle geben: Die Tanzgruppe probt derzeit an einem speziellen „Mühlentanz“, den Mia Facchinelli-Šiška, Ballettmeisterin des Sorbischen Nationalensembles Bautzen, choreografiert hat. Für zwei Jahre leitet sie das Training der Tanzgruppe.
Vom Krabat-Dorf Schwarzkollm erhofft sich die Tanzgruppe dauerhafte Bühnenpräsenz vor Ort. Geprobt wird jedenfalls jeden Freitag im Dorfsaal. Sunhild Schreiber wünscht sich, dass die gerade in Bau befindliche Mühlenscheune später das Vereinsdomizil wird. Die Schreibers wollen jedenfalls in der Gruppe weitertanzen, „solange wir noch hüpfen können“.
Krabatfestspiele: 19. bis 22. Juli, jeweils 20 Uhr, Krabatmühle Schwarzkollm. Restkarten und Infos: 03594 713342
web www.krabat-festspiele.de

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