Wölfe locken 5 000 Touristen pro Jahr

Donnerstag, 27. Januar 2011

Stephan Kaasche aus Hoyerswerda war in seiner Kindheit fasziniert von den Wölfen im Hoyerswerdaer Zoo. Dort gibt es die Tiere heute nicht mehr, aber Kaasche bietet in freier Natur Wolfsführungen an. Er hält aber auch Vorträge.
Stephan Kaasche aus Hoyerswerda war in seiner Kindheit fasziniert von den Wölfen im Hoyerswerdaer Zoo. Dort gibt es die Tiere heute nicht mehr, aber Kaasche bietet in freier Natur Wolfsführungen an. Er hält aber auch Vorträge.

Wenn ihm das doch auch einmal passieren würde. Nur ein einziges Mal im Leben. Stephan Kaasches Augen leuchten. „Ich glaube, ich könnte das, was in so einem Moment in mir vorgehen würde, einfach nicht beschreiben“, meint der 35-jährige Hoyerswerdaer. Einem Wolf zu begegnen, ihm gar gegenüberzusitzen, so dass man ihn fast berühren kann. Wie es Gudrun Pflüger erlebte. Die Biologin hatte vor geraumer Zeit mit einem Film über Wölfe in Kanada weltweit auf sich aufmerksam gemacht. Ein ganzes Jahr beobachtete die Österreicherin in den Rocky Mountains ein Wolfsrudel. Aus Distanz wurde gegen Ende der Dreharbeiten dann unerwartete Nähe.

Kaasche fand Gelegenheit, sich darüber mit der Österreicherin auszutauschen. Denn diese besuchte die Lausitz, nahm an einer Exkursion teil. Die Biologin gehört damit zu den Menschen, die es seit einigen Jahren zunehmend nach Ostsachsen zieht. Oft in der stillen Hoffnung, auf einer Führung über den Truppenübungsplatz Nochten oder in den Tagebaulandschaften einen der dort lebenden Wölfe zu sehen.

Es bleibt meist bei der Hoffnung. Denn einen Wolf in den hiesigen Gefilden zu sehen, das ist fast wie ein Sechser im Lotto. Stephan Kaasche hatte im vergangenen Jahr jedoch dieses Glück. Als der Naturschutzführer mit einer Touristin im Milkeler Raum unterwegs war, „stand plötzlich einer 40 Meter vor uns“. Eine Begegnung mit einem Wolf. Für etliche der Besucher, erzählt Stephan Kaasche, der gemeinsam mit dem Rietschener Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz Exkursionen anbietet, sei das der einzige Grund, überhaupt in diesen Teil Deutschlands zu reisen. Da gilt es für Kaasche, den Erwartungshorizont bei den Gästen sanft herunterzuschrauben, darauf hinzuweisen, dass man von diesen extrem menschenscheuen Tieren bestenfalls Spuren sehen wird. „Aber das ist ja auch schon was“, meint er. Wie in dieser Jahreszeit. Im Schnee sind die Bedingungen ideal. Da kann man häufiger auf Spuren des Isegrimms stoßen.

Stephan Kaasche leitet seit einigen Jahren Ein-Tages-Exkursionen. Die Nachfrage nach diesen Ausflügen habe beträchtlich zugenommen, erzählt der gelernte Einzelhandelskaufmann, in dessen jetzigem Leben der Wolf das beherrschende Thema ist. Er bietet nun ganzjährig seine Ausflüge an.

Im Kontaktbüro freut man sich natürlich über das gestiegene Interesse. „Man kann schon sagen, dass der Wolf den Tourismus in der Lausitz mit ankurbelt“, beschreibt es Jana Endel, die dort seit sieben Jahren als Projektleiterin arbeitet. 2004 besuchten rund 100 Menschen fünf Exkursionen. 2009 waren es gar 247 Exkursionen und Vorträge, die von weit über 5 000 Menschen besucht wurden. Und 2011 habe man schon Voranmeldungen bis zum Ende dieses Jahres.

Was zeigt, dass das Geschäft mit dem Wolf in der Lausitz boomt. Die Menschen kommen aus allen Teilen der Republik, aus dem Ausland. Ein Großteil seien Naturschutzfreunde, so Kaasche.
Zehn Prozent seiner Gäste hätten sich im Laufe der Führungen als Jäger geoutet. Das seien aber meist Waidmänner gewesen, die eine relativ positive Einstellung zum Wolf haben. Wenn er mit einer Gruppe unterwegs ist, mehr als 15 Personen sollen es nicht sein, sonst sei die Qualität einer solchen Führung gefährdet, so Jana Endel, ist der Hoyerswerdaer oft überrascht vom Weltbild mancher Gäste. „Einige verbinden mit der Ausbreitung der Wölfe doch tatsächlich einen kulturellen Verfall in der Lausitz.“ Oder anders ausgedrückt: „Es herrscht oft die Vorstellung, dass dort, wo sich der Wolf ausbreitet, die Gegend bitterarm sein muss.“

Dass es ganz anders ist, lässt dann staunen. Dass der Lebensstandard der hier wohnenden Menschen sich nicht von dem in anderen Teilen Deutschlands unterscheidet und dass man in diesem Teil Ostsachsens in Sachen Kultur auch einiges zu bieten hat. Kaasche: „Wer nach so einer Exkursion wieder in seine Heimat zurückkehrt, hat ein anderes, ein positives Bild von unserer Region.“

Dass die Lausitz in Deutschland das Alleinstellungsmerkmal in Sachen Wolfsansiedlung verloren hat – in Brandenburg und Sachsen-Anhalt leben ebenfalls Wölfe – wird aus Sicht von Stephan Kaasche keineswegs Folgen für den hiesigen Wolfstourismus haben. Wölfe in der Lausitz, steht für den Hoyerswerdaer fest, machen die Gegend hier doch nur noch attraktiver.

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