Vom Gefühl, angekommen zu sein

Sonntag, 22. Februar 2015

Ein Film mit und ueber Gundi gehoerte zum Wochenendprogramm 60
Ein Film mit und ueber Gundi gehoerte zum Wochenendprogramm 60

Von Silke Richter

Das muss man erst einmal schaffen in Hoyerswerda. Drei hintereinander folgende Veranstaltungen, die sich im Grunde nur um eine einzige Person und deren Bandmitglieder drehen – und alle Angebote: Ausverkauft! Dabei ist Gerhard „Gundi“ Gundermann schon vor siebzehn Jahren, (mit gerade mal 43 Jahren) an einem Hirnschlag verstorben. Wenn es das Schicksal anders gewollt hätte, hätte der Rockpoet und Baggerfahrer aus Spreetal vielleicht seinen 60. Geburtstag mit seiner „Brigade Feuerstein“ und der Begleitband „Gundermanns Seilschaft“ am Wochenende im großen Saal der Hoyerswerdaer KulturFabrik gefeiert. Vielleicht wäre der Quertreiber und Weltverbesserer mit Gitarre und im Fleischerhemd aber heute auch längst nicht so berühmt, wie er es ist – und wurde.

Doch das seien sinnlose Mutmaßungen, sagt Conny Gundermann, Witwe des Verstorbenen; Fragen, die sie eigentlich nicht hören und beantworten möchte, erklärt die Wahlberlinerin am Sonnabend auf der KuFa-Bühne. Und ja: Als sie genau davon im Rampenlicht erzählt, wirkt sie etwas traurig. Erst als sie, begleitet von Hugo Dietrich an der Gitarre, Lieder von Gundi zu Gehör bringt, weicht die Melancholie einem wachen, strahlenden Blick in die Publikumsreihen. „Nun tretet ein, ihr Ungeborenen ...“ Einen besseren musikalischen Einstieg hätte es für diese Gundermann-Geburtstagsparty wohl nicht geben können.
Die Party geht weiter. Mit einem auf der Bühne allein sitzenden und nachdenklich wirkenden KuFa-Geschäftsführer Uwe Proksch. Den Kopf nach unten gesenkt, beide Hände zusammengelegt, lauschen er und das Publikum einem Lied von Eric Fish („Subway To Sally“), der sich gewünscht hatte, dass diese kleine Hommage am Sonnabend in der KuFa gespielt werde. Es ist das Geburtstagsgeschenk von „Eric Fish & Friends“ für ihren „großen Gunder(Mann).“ Seit Sonnabend kann man dieses Lied von www.ericfish-shop.de online herunterladen. Der Erlös kommt dem Gundermann-Archiv zugute, „um das Erbe dieses „fantastischen Musik-Lyrikers“ weiter erhalten zu können“, so Eric Fish in einem Brief an Uwe Proksch.

Letztgenannter hatte 2014 auch die Idee, einen Hoyerswerdaer Bürgerchor zu gründen Aus erhofften zwanzig Sängern wurden 64 Teilnehmer, die in den letzten Monaten zwölf Mal zusammen probten, um Gundermann-Lieder einzustudieren und diese bei der Geburtstagsparty am Sonnabend und Sonntag zu Gehör zu bringen. Genau das taten die etwas lampenfiebrigen Sängerinnen und Sänger mitsamt ihrem Chorleiter André Bischof, der Chef der gleichnamigen Musik- und Kunstschule ist. Nicht jeder Ton wird aufs My getroffen. Das ist auch gar nicht so wichtig, als da gesungen wird von Schwarze Pumpe (dem Gaskombinat und seinen unheldischen Arbeiter-Helden-Geschichten), von einem Schlag in die Fresse, Zwiebelduft, Kraft und dem Gefühl, angekommen zu sein.

Beifallstürme, stehende Ovationen und das in den Publikumsreihen immer stärker werdende Gefühl von innerer Zufriedenheit. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Lieder von Gerhard Gundermann bis heute nichts an ihrer Aktualität verloren haben. Und dann das, worauf wohl viele schon gewartet, sich aber nicht als Erste getraut haben: Bürgerchor und Publikum verschmelzen zu einem gemischten Chor und singen gemeinsam: „Hoywoy, dir sind wir treu, du blasse Blume auf Sand.“

Man kann Gerhard Gundermann mögen. Man muss nicht. Aber selbst wer es nicht tut, kommt nicht umhin, anzuerkennen: „Gundi“ verbindet. Gewesenes. Gegenwart. Zukunft. Menschen.

 

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Kommentare zum Artikel:

Kommentar von Christine und Uwe Thom |

Das war mein zweitbestes Wochenende….

Liebe Hoyerwerdsche Zeitung,

wir sind am Wochenende aus Tübingen in Hoyerswerda zu Besuch gewesen. Anlaß waren die Feierlichkeiten zu Gerhard Gundermanns 60. Geburtstag in der Kulturfabrik. Wir haben Ihren Bericht gelesen und wenden uns an Sie, denn wir würden gerne den Hoywoyer Bürgern für die freundliche Aufnahme in Ihrer Stadt und für ein unvergessliches Wochenende danken. Alle Termine in der Kulturfabrik waren schon allein rein musikalisch ein Genuß pur. Wir waren so begeistert und beeindruckt von den Darbietungen des Bürgerchors, dass wir auswärtige Termine des Bürgerchors und ein Weitermachen eigentlich fast für unverzichtbar halten. Gleichermaßen begeistert waren wir von der Brigade Feuerstein, für deren musikalische Vorträge wir den größten Respekt aufbringen. Tief beeindruckt haben uns auch die Gesangsvorträge von Conny und Linda Gundermann, so dass wir am liebsten von Harry Potter einen Zeitumkehrer ausgeliehen hätten um einfach alles noch mal von vorne erleben zu können. Ein ganz ganz großer Höhepunkt war für uns der Auftritt von Gundermanns früherer Rockband. Die Stimmung im großen Saal in der Kulturfabrik war unglaublich, das Konzert großartig. Für uns war es ein riesiger Moment, die Seilschaft live erleben zu dürfen. Die Band war so dicht dran an ihren Fans, wie ich das sonst gar nicht kenne. Viele Fans trugen Zitate aus Gundermann-Texten auf ihren T-Shirts. Ich hätte ein Konzert mit den Rolling Stones oder mit jeder anderen Rockgröße in den Wind geschlagen um die Seilschaft hören zu dürfen. Allerspätestens bei dem 3. Lied, „Hier bin ich geborn“ waren wir völlig hin und weg. Es war großartig, als Auswärtiger dabei gewesen sein zu dürfen und mit soviel Natürlichkeit und Freundlichkeit aufgenommen worden zu sein. Das Engagement von den Mitgliedern des Gundermann e.V. hat uns tief beeindruckt. Schon am ersten Abend kam dann per Zufall über „Zeit online“ ein Artikel über das Braunkohlerevier der Lausitz, den drohenden Arbeitsplatzverlust von 8000 Kumpeln, die geplante Umsiedelung von Dörfern an. Wir merkten plötzlich, dass die Lieder von Gerhard Gundermann aktueller sind denn je. Und dass von diesen Themen bis nach Tübingen kaum etwas durchdringt, was wir sehr schade finden und gerne ändern würden. Wir haben in der Lausitz ein unglaublich schönes Wochenende erlebt, wohnten – das war dann noch der letzte Tropfen Glück – in einem wunderschönen kleinen Holzhaus auf einem See, der durch die Flutung des Tagebaus Scado entstanden ist. Hier waren wir mit ganz wenigen Besuchern in der schon ein bisschen wärmenden Februarsonne, mit den Wellen, einigen Windkrafträdern, unseren Instrumenten und vielen Vögeln allein. Eine Szene, als wäre das alles gar nicht wahr, so schön haben wir noch nie irgendwo gewohnt. Jetzt erzählen wir hier in Tübingen von diesem Wochenende, möchten gerne hier für die Lausitz bei uns auch etwas Werbung machen. Tübingen ist mit Gundermann und Hoywoy durch die Arbeit der Randgruppencombo verbunden, der langjährige Leiter des Kinder-und Jugendtheaters Tübingen und jetzige freie Regisseur Heiner Kondschak und seine Mitstreiter singen seit Jahren Gundermann. Die Konzerte der Randgruppencombo in Tübingen sind jedes Jahr komplett ausverkauft und gelegentlich erscheinen im Schwäbischen Tagblatt in Tübingen Geburtsanzeigen mit Textzeilen aus „Linda“. Bekannte und Verwandte hören hier jetzt schon mit großem Interesse von unseren Schilderungen aus Hoyerswerda. Was wir aber auch mit nach Tübingen nehmen, ist die Sorge um die Region Lausitz und unsere Unsicherheit, was für die Menschen dort die beste Lösung wäre. Wir sind uns aber sicher, dass wir darüber auch in Tübingen mit noch mehr Menschen sprechen werden. Um die Arbeit des Gundermann e.V. nach Tübingen zu tragen, würden wir versuchen, bei uns gelegentlich einen Infostand zu machen, hier dürfen dann aktuelle Berichte zur Situation in der Lausitz nicht fehlen. Mit großem Respekt und Dankbarkeit für die Arbeit, die alle Musiker und Organisatoren an diesem Wochenende geleistet haben, Christine und Uwe Thom aus Tübingen.

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