Unterricht am Streiktag

Samstag, 17. November 2012

Hausmeister Stani Wowtscherk schloss gestern um 6.30 Uhr wie immer die Tür zum Johanneum auf – und für den Fotografen später noch einmal.  Foto: Uwe Schulz
Hausmeister Stani Wowtscherk schloss gestern um 6.30 Uhr wie immer die Tür zum Johanneum auf – und für den Fotografen später noch einmal. Foto: Uwe Schulz

Im gesamten Landkreis wird an den Schulen gestreikt. Im ganzen Landkreis? Während sich gestern in den Morgenstunden tausende Grund- und Mittelschüler und Gymnasiasten noch einmal im Bett umdrehten, sich auf schulfrei oder zumindest verkürzten Unterricht freuten, war im Christlichen Gymnasium Johanneum alles wie immer. Um 7.35 Uhr begann für die Fünft- bis Zwölftklässler die erste Stunde. Erstere hatten Unterricht bis zur 6. und 7. Stunde, die Großen mussten bis zur neunten Stunde um 15.30 Uhr bleiben.

Schulleiter Günter Kiefer ist stolz darauf, dass es an diesem Tag keine Ausfallstunden gibt. Bei ihm streikt kein Lehrer und auch sonst ist die Rate der Ausfallstunden am Johanneum auffallend gering. „Von Schuljahresbeginn bis zu den Herbstferien fiel nur ein Prozent der Unterrichtsstunden aus.“ Dabei arbeiten hier auch nur ganz normale Lehrer. 44 sind fest angestellt beim Schulträgerverein. Der Altersdurchschnitt von 46 Jahren ist nichts Außergewöhnliches – Frauen und Männer teils mit Kindern, teils mit dem einen oder anderen Zipperlein, Leute, die auch eine Grippe bekommen oder sich verletzten können und teilweise täglich ziemlich weit fahren bis zu ihrem Arbeitsort.

Jeden Tag ist daher gegen 7 Uhr auch am Johanneum für die Schulleitung die Stunde der Wahrheit: Fällt ein Lehrer aus und wenn ja, welche Fächer und Klassenstufen wären betroffen. Um etwas Handlungsspielraum zu haben, startet der Blockunterricht, der 90 Minuten dauert, am Johanneum erst in der zweiten Stunde. „So fällt früh eben im Ernstfall nur eine Stunde aus“, sagt Günter Kiefer. Dann wird geschaut, welcher Lehrer wen vertreten kann.

Wenn auch das ausgereizt ist, kann die Schulleitung auf einen Pool von fünf bis sieben Lehrer zurückgreifen, die sich bereits im Ruhestand befinden, aber für Ersatzstunden zur Verfügung stehen. Gegen Bezahlung natürlich. „Ersatz zu bekommen, ist für uns weniger problematisch, da wir gewisse bürokratische Hürden nicht haben“, so Kiefer weiter. Der Schulträgerverein hat extra dafür einen gewissen Etat eingestellt, die Geschäftsführerin Claudia Kockert sitzt nur ein paar Türen weiter als Günter Kiefer.

„Unser Anspruch ist, möglichst wenig Ausfallstunden zu haben“, sagt Friedhart Vogel, der Vorstandsvorsitzende des Vereins. Und er lobt das Engagement der Johanneums-Lehrer: „Es ist sehr hoch, über das Maß hinaus. Das will ich dankbar feststellen.“ An einer übermäßig üppigen Bezahlung oder Sonderkonditionen kann das nicht liegen. Wer am Johanneum arbeitet, wurde nicht dorthin delegiert, sondern hat sich bewusst beworben. Für den einen war die konfessionelle Ausrichtung entscheidend, andere können sich mit den Zielen und Vorstellungen auch so identifizieren.

Vogel und Kiefer sprechen von einem gewissen Wohlfühlklima. Probleme würden auf kurzem Weg geklärt. Ein Betriebsrat ist auch da. Ein Streik würde aus Sicht von Friedhart Vogel am Johanneum allerdings wenig Sinn machen. „Wir stehen als Schulträger ja mit dem Rücken zur Wand.“ Der Freistaat zahlt nicht mehr das Schulgeld für bedürftige Kinder – doch abweisen will die Schule kein Kind. Also muss sich der Trägerverein etwas einfallen lassen, wie er diese Familien unterstützt, immerhin etwa zehn Prozent der derzeit 554 Schüler.

Und doch funktioniert das ganze Schulmodell. Immerhin sieht sich der Schulträgerverein laut Friedhart Vogel in der Lage, eine Gehaltserhöhung der Lehrergehälter rückwirkend zum 1. August zu bewerkstelligen. An den Details wird derzeit noch gearbeitet.

Fünf Referendarinnen wurden dem Gymnasium von der Bildungsagentur zugewiesen, die so einen eigenen Eindruck von der Arbeit an einer nichtstaatlichen Schule erhalten. Auch Praktika-Anfragen lehnt Günter Kiefer nicht ab. Vielleicht wird ja der eine oder andere später mal am Johanneum arbeiten.

Und auch dann wird es wohl noch so sein, dass die Lehrer hier nicht für bessere Bedingungen streiken und Unterrichtsausfälle die Ausnahme sind.

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