"Hier sind nicht alle Assis"

Montag, 26. September 2011

Der Wohnblock in der Schweitzer-Straße gilt durchaus als Problemviertel. Aber mancher wohnt gern hier.
Der Wohnblock in der Schweitzer-Straße gilt durchaus als Problemviertel. Aber mancher wohnt gern hier.

Friedlicher könnte ein Nachmittag in Hoyerswerdas Albert-Schweitzer-Straße vor der „Stadtmauer“ nicht sein: Eine junge Mutter schiebt einen Kinderwagen vorbei, eine Frau trägt den Einkauf aus dem „Netto“ heim, auf dem Gehweg vor Nummer 19 ist mit Kreide ein Hüpf-Raster aufgemalt. Ganz oben steht „Himmel“. Ein Vater ruft nach seiner kleinen Tochter: „Kommst Du bitte mal?“. Überregionale Zeitungen haben in den letzten Tagen über unfreundlichere Worte berichtet. Sie fielen hier beim Besuch eines Fernsehteams, das zwecks Berichterstattung über den Herbst 1991 drei Afrikaner an den Block brachte.

Die Besucher trafen auf junge Eltern, die fast jeden Nachmittag mit ihren Kindern vor Nummer 19 zubringen. „Es ging darum, dass die unsere Kinder nicht filmen sollten“, sagt eine Frau. Und ein Mann erklärt, die Kinder hätten gefragt, wer die Fremden seien. Affengeräusche hätten quasi zur Erklärung dienen sollen. Und die inkriminierten Beleidigungen? Na ja, sagt ein Anwohner, der mit der Sache nichts zu tun, sie aber beobachtet hat: Unschön, natürlich. Nur: „Die reden auch untereinander nicht immer fein.“

Eine Nachbarin bestätigt, die Frauen würden da schon einmal als „Schlampe“ oder „Fotze“ betitelt. Es fließe ja auch häufig Alkohol. Bloß, sagt der Anwohner, eigentlich seien die Leute vor der 19 nett und friedlich: „Und pünktlich zur Sperrstunde ist auch immer Ruhe.“ Er vermutet, beim Besuch des Kamerateams und der Afrikaner am 10. September könnten womöglich einfach „unglückliche Zustände“ zusammengetroffen sein.

Und dann fällt ein Wort, das aufhorchen lässt. „Man schafft hier ein Ghetto“, sagt der Mann. Er will nicht missverstanden werden. Er lebt lange in der „Stadtmauer“ und er lebt auch immer noch gern hier. Weg will er nicht. Doch er erzählt von seiner Nachbarschaft: alleinerziehende junge Mütter, Aussiedler, junge Arbeitslose – Menschen, die es nicht so einfach haben. Eine der Frauen vor der 19 widerspricht. Es würde hier auch Rentner und natürlich Arbeiter geben – und nicht zu vergessen die Aussiedler sowie Menschen zum Beispiel aus Marokko: „Und wir leben hier friedlich zusammen.“ Nur: Die Schweitzer-Straße 18 bis 28 ist, was man „sozialen Wohnungsbau“ nennt. Was das ist, sieht man schon allein am baulichen Unterschied zum sanierten Nachbarhochhaus 30 bis 38. Das wirkt richtig idyllisch.

An der „Stadtmauer“ dagegen fehlen nicht nur Fassaden-Kacheln. Ein Anwohner erzählt, die Fenster auf den Fahrstuhletagen seien ewig nicht geputzt worden: „Die sind so marode, dass die herausfallen würden.“ Aufgang 22 steht seit einem Brand komplett leer und ein langjähriger Bewohner eines Nachbaraufgangs sagt: „Alle, die unters Sozialgesetzbuch II fallen, werden hier sozusagen »eingewiesen«. Der lange Block mit seinen 400 Wohnungen sei ein „sozialer Brennpunkt“. „Kinderbetreuung gibt es mittwochs durch den CVJM, aber die Erwachsenen sind ohne Ansprechpartner“, so der Mann. Nun soll auch noch das „Haus der Hilfe und Begegnung“ in der Nachbarschaft abgerissen werden. Dazu machen in der „Stadtmauer“ Gerüchte die Runde, das Obdachlosenheim solle hier mit einziehen.

Pfarrer Jörg Michel ist vor einigen Tagen mit Anwohnern ins Gespräch gekommen. Er habe, sagt er, ziemlichen Frust zu spüren bekommen. „Die Leute sind neben den alltäglichen Sorgen auch noch im Stress, weil der Block derzeit wieder so im Fokus steht.“ Und in der Tat sagt eine freundliche junge Mutter, die hier wohnt, ohne Umschweife: „Hier sind natürlich nicht alle Assis.“ Nazis schon gar nicht. Nur sei sie doch froh, in den nächsten Tagen in ein anderes Stadtviertel ziehen zu können. „Ein ruhigeres“, wie sie sagt.

Bei der Wohnungsgesellschaft Hoyerswerda, dem Hauseigentümer, gibt es seit Jahren Pläne zumindest für den Teilabriss. Für Abstufungen oder baulich aufwändige Umgestaltungen dürfte kein Geld da sein. Wie man hört, wird der Abriss einiger Aufgänge nun wieder verstärkt diskutiert. Nur ist die Frage, ob das allein eine Lösung ist.
Unternehmens-Chefin Margitta Faßl hört zumindest nachdenklich zu, wenn man ihr von Jörg Michels Eindruck erzählt. Er sagte vorige Woche nach einem Historiker-Vortrag, wenn die Gewalt im Herbst 1991 wie geschildert zum Großteil sozialen Verwerfungen geschuldet gewesen sei, dann sollte die Erfahrung von damals eigentlich bei den anstehenden Hausaufgaben von heute helfen.

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Kommentare zum Artikel:

Kommentar von Berliner |

Hier der Beitrag vom WDR zur eigenen Meinungsbildung! Das sieht nicht aus als wären das "unglückliche Umstände"! Das sind ganz klar asoziale Rechte, die einfach nichts gelernt haben! Und sowas gehört in ein Ghetto oder ins Gefängnis! Weg von der Gesellschaft, denn für diese wären sie zu gefährlich.

http://www.youtube.com/watch?v=ryRG-M9Ijpk

Kommentar von Hoyerswerdaer |

Na da kann man ja wirklich von Glück sagen, dass die Justiz weder aufgrund von Fernsehbeiträgen noch aufgrund faschistoider Menschenbilder (Ghetto!) tätig wird.

Kommentar von Robert K. |

Ihr habt ja wohl alle den letzten schuss nicht gehört die menschen vor der nummer 19 betiteln die frauen nicht mit den worten "du schlampe usw" ich wes nie was euch einfällt so ein müll drüber zu schreiben und die afrikaner sind doch selbst schuld was kommen die denn jetzt her und wenn die leute einmal sagen das das kamera team die kamera ausmachen soll hat sie es gefälligst zu tun bzw die leute die dort saßen zu fragen ob sie sie filmen dürfen ich kann die bürger dort echt verstehen

Kommentar von Peter Waubeier |

aha.....die afrikaner sind also selbst schuld ? na prost, scheint sich ja viel geändert zu haben in hoyerswerda
und den artikel versteh ich auch nicht so recht: "Und ein Mann erklärt, die Kinder hätten gefragt, wer die Fremden seien. Affengeräusche hätten quasi zur Erklärung dienen sollen. Und die inkriminierten Beleidigungen? Na ja, sagt ein Anwohner, der mit der Sache nichts zu tun, sie aber beobachtet hat: Unschön, natürlich. Nur: „Die reden auch untereinander nicht immer fein.“ "
was soll das ? soll das rechtfertigung sein ?

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