„Für mich ist jede Geburt wie ein Wunder“

Dienstag, 20. Dezember 2011

Ines Warmschmidt im größten der drei Kreißsäle des Seenland-Klinikums Hoyerswerda.
Ines Warmschmidt im größten der drei Kreißsäle des Seenland-Klinikums Hoyerswerda.

Sie ist die erfahrenste Hebamme in der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe des Seenland-Klinikums. Ines Warmschmidt, die 1980 ihre dreijährige Hebammenausbildung an der Uni-Klinik in Dresden beendet hat, arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren in Hoyerswerda. Wir sprachen mit der 50-jährigen zweifachen Mutter über den technischen Fortschritt, die Unsicherheit der Frauen und über Männer im Kreißsaal.

Frau Warmschmidt, Ihre Frühschicht ist beendet. Wie war sie?
Heute sehr ruhig. Wir hatten keine Entbindung. Vermutlich sind die Frauen durch den Weihnachtsstress anderweitig beschäftigt und haben keine Zeit zum Kinderkriegen (lacht).

Das ist sicher nicht immer so, oder ?
Nein, wir hatten auch schon mal in einer Schicht fünf Kinder. Das war dann richtig Stress.

Wissen Sie, wie vielen Kindern Sie auf die Welt geholfen haben?
Nein. Am Anfang habe ich mir das noch aufgeschrieben. Ich kann es nur noch schätzen, anhand der Statistik. Nach der Wende waren es etwa 70 pro Jahr, davor rund 100.

Und können Sie sich noch an die erste Geburt erinnern, die Sie als Hebamme begleitet haben?
Ich hab schon Geburten als Hebammenschülerin miterlebt. Das war im dritten Lehrjahr. Da war das natürlich aufregend. Aber so richtig erinnere ich mich nicht daran.

Was hat sich seitdem im Kreißsaal geändert?
Die Überwachungsgeräte sind heute kleiner und leistungsfähiger. Wir haben viel mehr mit Technik zu tun. Als ich gelernt habe, haben wir die Herztöne des Kindes noch mit einem Holzrohr abgehört. Es hat keinen Ultraschall gegeben, oder er war sehr fehlerhaft. An eine Gebärwanne zum Beispiel war damals nicht zu denken.

Gehen die Frauen heute anders mit der Schwangerschaft um als vor 30 Jahren?
Ja, sie sind eher fordernd. Es gibt Frauen, die wollen nicht entbinden, sondern wollen entbunden werden. Das ist ein großer Unterschied. Der Umgang mit den Wehen hat sich verändert. Unsicherheit, falsche oder fehlende Informationen spielen eine Rolle.

Sachsen hat die niedrigste Kaiserschnittquote in Deutschland. Wie kann man Frauen überzeugen, dass der natürliche Weg der bessere ist, sofern medizinisch nichts dagegenspricht?
Mit Aufklärung und Motivation. Sicher gab es auch früher Ängste. Das Bewusstsein, dass es Möglichkeiten gibt, Schmerzen zu verringern, wie durch die Periduralanästhesie, macht es schon leichter. Es gibt aber auch Frauen, die gar nichts spüren wollen und denken, der Kaiserschnitt ist der richtige Weg. Dass sie dann unter Umständen länger als ein halbes Jahr Probleme mit dem Kaiserschnitt haben, glauben uns die wenigsten Frauen.

Wie wichtig sind Geburtsvorbereitungskurse?
Informationen sind generell wichtig, weil Ängste abgebaut werden können. Man kann natürlich in sechs Kursen nicht so viel umfassendes Wissen vermitteln, wie man es im Internet bekommen kann. Wir wollen die Frauen aufklären und dazu befähigen, ihr Kind auf normalem Wege zu bekommen. Die Natur hat es nicht umsonst so eingerichtet. Es herrscht mitunter sehr viel Irrglaube. Ich bin wirklich schon gefragt worden, warum der Kreißsaal nicht rund ist.

Was empfinden Sie, wenn Sie einem Baby auf die Welt geholfen haben?
Es ist immer wieder überwältigend. Je mehr sich die Frau einbringt, aktiv die Geburt bestreitet, viel mitarbeitet, sich nicht «entbinden lässt», umso schöner empfinde ich das auch. Jede Geburt ist etwas Besonderes. Für mich ist das jedes Mal wie ein Wunder.

Was ist für Sie das Wunderbare an Ihrem Beruf?
Er ist sehr abwechslungsreich. Man weiß nie zum Dienstbeginn, was einen erwartet. Jeder Tag ist anders, jede Geburt ist anders. Es bleibt immer spannend, auch nach über 30 Jahren.

War es Ihr Wunschberuf?
Ja schon. Meine Mutti hat von ihrer Hebamme geschwärmt. Da habe ich gedacht: So was möchte ich auch machen. Mit 16 hatte ich aber recht wenig Vorstellungen. Mit der Zeit ist aus dem Beruf eine Berufung geworden. Ich mag ihn sehr.

Sie könnten sich nichts anderes vorstellen?
Nein, überhaupt nicht.

Sie haben in 30 Jahren viel erlebt. Auch viele Väter. Sind sie eher eine Hilfe oder eine Last?
Grundsätzlich sind Väter heute häufiger bei der Geburt dabei als früher. Sie können sehr helfen. Wenn wir wirklich viel zu tun haben, sind sie ein wichtiger Motivator. Sie können die Frauen loben, Getränke reichen oder massieren.

Und wann sind sie eine Last?
Wenn sie nicht dazu geeignet sind und einem gewissen Druck erliegen, dabei sein zu «müssen». Nicht jeder Vater ist im Kreißsaal eine Hilfe. Dann versuchen wir sie unter einem Vorwand rauszuschicken, ohne dass die Frau das mitbekommt.

Was lassen Sie sich da einfallen?
Wir schicken ihn Rauchen, oder fragen, ob er nicht doch noch irgendwas zu erledigen habe, weil die Geburt noch dauern wird.

Es gibt einiges an Aberglauben rings um die Geburt. Einer davon: Kinder, die nicht schreien, bekommen einen Klaps auf den Po.
Nein, einen Klaps bekommen sie nicht. Bei uns wird kein Kind geschlagen, nur ein wenig gerubbelt. Ein Baby muss auch nicht unbedingt schreien, wenn es ganz normal atmet. Aber vielleicht ist es auch so kurz nach der Entbindung: Ein Kind schreit seinen Frust, weil es nicht mehr bei der Mutti ist, heraus und will sich trösten lassen. Das gehört zusammen.

Wie ist es damit: Sie können an der Form des Schwangerschaftsbauches erkennen, ob es ein Junge oder Mädchen wird?
Das ist eine sehr unsichere Sache. Bei Frauen, die von hinten kaum schwanger aussehen und, sagen wir, alles «nach vorne vor sich her schieben», trifft es fast immer zu. Dann wird es ein Junge.

Was aber stimmt: Sie können das Geburtsgewicht sehr genau ertasten. Das verblüfft viele.
Das haben wir als Schülerinnen auch so gelernt. Wir hatten ja keinen Ultraschall. Wir mussten genau schauen, wo ist der Kopf und wie liegt das Kind. Dann hat man ein gutes Gefühl für die Größe und das Gewicht. Natürlich liegt man auch mal um 100 Gramm daneben.

Sie haben selbst zwei Kinder. Waren Sie als gebärende Hebamme gelassener, als es andere Frauen sind?
Nein. Ich habe mich beim ersten Kind bestimmt genauso angestellt, wie viele andere Frauen auch. Beim zweiten Kind habe ich gut beobachten können, was mit meinem Körper passiert. Das versuche ich jetzt auch in den Kursen rüberzubringen, dass es die Frauen als Zweit- oder Drittgebärende genauso tun.

Sie haben zwei Töchter. Den Spruch kennt jeder: Mädchen kommen meist nach dem Termin, weil sie sich noch putzen . . .
Also meine Mädchen sind beide eher gekommen. Da ist wohl generell nichts dran.

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