Erstmals gab es auch Zuschauer

Dienstag, 13. September 2011

Christoph Wowtscherk befasst sich mit dem Herbst 1991 wissenschaftlich.
Christoph Wowtscherk befasst sich mit dem Herbst 1991 wissenschaftlich.

Ein halbes Jahrzehnt ist es jetzt her, dass der Soziologe Detlef Pollack sich der pogromartigen Gewalt gegen Ausländer 1990 und 1991 in der Stadt wissenschaftlich genähert hat. Seine These lautet, etwas verknappt: Die Täter hätten mit Mitteln der Fremdenfeindlichkeit auch gegen die neue, westdeutsche Staatsmacht gekämpft.

Auch Christoph Wowtscherk spricht von einem „sozialen Protest“. Der 25-jährige, auf Ideologiegeschichte spezialisierte Historiker aus Dörgenhausen hat für seine Doktorarbeit an der Ruhruniversität in Bochum zwei Jahre lang erforscht, was in seiner Heimatstadt vor sich ging, als er selbst gerade fünf Jahre alt war. Nun ist die 260-seitige Promotion fertig. In ihrem Titel steht eine Überschrift aus dem TAGEBLATT-Vorläufer „Hoyerswerdaer Wochenblatt“ aus dem Jahr 1990: „Was wird, wenn die Zeitbombe hochgeht?“

Das soll zeigen, dass der Herbst 1991, auch wegen ähnlicher Vorfälle im Jahr zuvor, nicht aus dem Nichts kam. Christoph Wowtscherk wird seine Arbeit in der nächsten Woche im Johanneum vorstellen, wo er 2004 sein Abitur abgelegt hat. Der Doktorand will natürlich nichts entschuldigen. Aber er hat angefangen, nach Erklärungen zu suchen, als er beim Studium immer wieder auf seine Heimatstadt angesprochen wurde und feststellen musste: „So richtig wusste ich gar nicht Bescheid.“

Nach seiner Analyse kam vor zwei Jahrzehnten vieles zusammen, die Angst vor drohender Arbeitslosigkeit zum Beispiel. Dass man sie auf die Ausländer projiziert, sei natürlich unsinnig gewesen: „Die Vertragsarbeiter hatten die Rückflugtickets in der Tasche und die Asylanten durften gar nicht arbeiten.“ Dazu kam Kriminalitätsfurcht, die in der Stadt schon zur Bildung der Bürgerwehr „Neue Deutsche Ordnung“ geführt hatte. „Es gab Leute, die bereit waren, das Recht in die eigenen Hände zu nehmen“, sagt der Wissenschaftler. Er hat Archive besucht, Akten gewälzt, Zeitungen durchgesehen und mit Zeitzeugen wie dem damaligen Landrat Wolfgang Schmitz gesprochen. „Man muss sich schon mit der Sache auseinandersetzen – auch, um angemessene Antworten zu haben, wenn es alle fünf Jahre Fragen gibt“, findet der Doktorand.

Was „Hoyerswerda“ so besonders und interessant macht, kann er gut erklären: Anschläge waren vorher heimlich. Hier gab es erstmals tagelange quasi öffentliche Auseinandersetzungen. Erstmals gab es auch Zuschauer, die klatschten: „Gut 500 Leute haben das Tag für Tag unterstützt“, sagt Wowtscherk und fügt an, die Grenze zwischen passiv Schauenden und aktiv Jubelnden sei sicher fließend gewesen. In diesem Zusammenhang erwähnt er einen Vorfall einige Tage zuvor, bei dem sich ein Mann von einem Hochhaus zu stürzen drohte. Unten bildete sich ebenfalls eine Menschenmenge, so der Student: „Da wurden Wetten abgeschlossen und in der Zeitung stand etwas von Volksfest-Atmosphäre. Es gab also, wohl auch im Zusamenhang mit der Angst vor Arbeitslosigkeit, eine gewisse Entsolidarisierung.“ Weiteres Novum des Herbstes 1991: Nie zuvor hatte der Staat Opfer in so großer Zahl aus Sicherheitsgründen wegschaffen lassen müssen.

Mindestens ein halbes Jahr dürfte es dauern, bis Christoph Wowtscherk seinen Doktortitel tragen darf. Und dann? Na ja, sagt er, er würde schon gern wenigstens in der Region bleiben. Zu Hause sei eben zu Hause. „Und Hoyerswerda kann man ja nun nicht auf 1991 reduzieren“, sagt der Historiker.

Seinen Vortrag beim „Johannesforum“ im Christlichen Gymnasium Johanneum hält Christoph Wowtscherk am 21. September um 19 Uhr.

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