Ein scharfer Schnitt in der Mitte des Lebens


von Tageblatt-Redaktion

Die ehemaligen Schlecker Mitarbeiterinnen beim Treff in Lauta
Die ehemaligen Schlecker Mitarbeiterinnen beim Treff in Lauta

Es herrschte an diesem Freitagabend keine gedämpfte, keine tränenreiche Stimmung. Ganz im Gegenteil. Unter den ehemaligen Schlecker-Mitarbeiterinnen, die sich in Lauta trafen, war die Atmosphäre überaus heiter, ja zeitweise recht ausgelassen.

Denn Tränen, Wehmut, Wut und Unverständnis, all diese Emotionen „haben wir doch schon hinter uns gebracht“, beschreibt es Grit Siemon, die einige ihrer ehemaligen Kolleginnen eingeladen hatte. „Zu einem ersten Arbeitslosentreffen“, wie sie ironisch meinte. Um sich auszutauschen, sich Mut zuzusprechen vor der und für die neue(n) beruflichen Zukunft. Die 42-Jährige gehörte in der Region zu den Beschäftigten der Drogeriekette, die man entließ. Denn auch in Sachsen wurden in den vergangenen Wochen und Monaten zahlreiche Filialen des Unternehmens, welches Anfang des Jahres Insolvenz angemeldet hatte, geschlossen.

„Ich war immer stolz darauf gewesen, für Schlecker arbeiten zu können“, bekennt eine, die ihren Namen auf keinen Fall in der Zeitung sehen möchte. Als sie von der Insolvenz erfuhr, „konnte ich es erst mal nicht fassen“. Doch irgendwie „dachte ich, dass sich das schon wieder richten wird“, so die Bernsdorferin. Ein Trugschluss, wie sich wenig später herausstellte, als die ersten betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen und Filialen dichtgemacht wurden. Eben auch in Hoyerswerda, Bernsdorf, Lauta oder Torno.

„Das schlimmste war für mich der Gang zum Arbeitsamt“, meinte Grit Siemon. 18 Jahre arbeitete sie bei Schlecker als Verkäuferin. In Bernsdorf, Hoyerswerda, zuletzt in Torno. „Ich hatte gedacht, ich könnte in dem Unternehmen alt werden“, erzählt sie. Nun muss sie sich mit Arbeitslosengeld, Minijobs und Teilzeitbeschäftigungen auseinandersetzen. Und mit Computern. „Ich mache gerade einen PC-Grundkurs“, sie verzieht dabei das Gesicht.

Das müsse sie machen, weil doch Bewerbungen online verschickt werden. „Heutzutage ist das wohl so üblich“, so Grit Siemon. Bewerbungen zu schreiben – für Jeannette Handretschk war das, wie für ihre anderen Kolleginnen, ebenfalls „absolutes Neuland“. Ihre Tochter habe ihr dabei geholfen. Dass sie überhaupt mal eine Bewerbung schreiben würde; sie, die 21 Jahre bei Schlecker „eine schöne Zeit“ hatte – nein, das habe sie sich nicht vorstellen können ...

Unter den Ex-Kolleginnen von Grit Siemon ist an diesem Abend auch eine 49-Jährige. „Bitte nennen Sie meinen Namen bloß nicht, ich will keine Probleme bekommen“, meint sie, die in der Bernsdorfer Filiale arbeitet, noch arbeiten darf. Bis Ende August. Dann ist ihre Zeit bei Schlecker auch vorüber. Nach 19 Jahren. Dem morgigen Mittwoch, das ist der 29. August, schaut sie mit Bauchschmerzen entgegen.

„Das ist mein letzter Tag“, erklärt die Lautaerin. Ein äußerst denkwürdiger Mittwoch wird das für sie werden, denn sie hat auch Geburtstag, wird 50 Jahre alt. Ist ihr nach Feiern zumute? Sie mag nicht recht antworten, „ach, ich weiß nicht.“ Aber so wie sie schaut, ist sie froh, wenn sie diesen Tag überstanden hat. Dann wird sie nach vorne schauen müssen. Was sie machen möchte? Achselzucken.

Die berufliche Zukunft von Jeannette Handretschk ist hingegen schon geklärt. „Ich mache eine Umschulung, lasse mich in Hoyerswerda zur medizinischen Bademeisterin ausbilden“. Darüber ist sie froh. Obwohl „ich gerne als Verkäuferin gearbeitet habe“.

Das hat auch Grit Siemon. Sie will ihren Beruf nicht wechseln, keine Umschulung machen. Sie will Verkäuferin bleiben. „Das kann ich am besten“. Wo? Es gebe Gespräche mit einigen Betrieben, meint sie. Aber sie werde sich umstellen müssen. Was das Finanzielle angehe. Denn „so viel wie bei Schlecker werden wir kaum noch mal verdienen“, steht für sie fest.

Bis in die frühen Morgenstunden saßen die Frauen zusammen, wurden Erinnerungen ausgetauscht. Am Ende gingen alle zuversichtlich nach Hause. Denn: Es wird weitergehen in ihrem Leben.

Sie wissen jetzt, wie das ist, wenn man arbeitslos ist. Eine Erfahrung, auf die sie alle gern verzichtet hätten. Aber alle sind überzeugt, dass sie nicht lange ohne eine bezahlte Beschäftigung bleiben werden. „Die Arbeitsämter“, beschreibt eine, die in Königswartha zuletzt tätig war, „machen ganz schön Druck, die wollen uns schnell in irgendwelche Jobs bringen.“

Wir hoffen mit den Schlecker-Frauen, dass dieser Wunsch möglichst schnell in Erfüllung gehen möge – ganz gleich, ob nun wieder als Verkäuferin oder in einem völlig neuen, selbst gewählten beruflichen Umfeld in der Region.

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