Die wichtigsten Fragen und Antworten stehen noch aus


von Tageblatt-Redaktion

Dr Harry Waibel und Angelika Nguyen bestritten die Podiumsdiskussion
Dr Harry Waibel und Angelika Nguyen bestritten die Podiumsdiskussion

Von Uwe Jordan

Über die DDR lässt sich Schlechtes genug sagen. Was ihr fehlte: Bananen, Demokratie, echte Rede- und Reisefreiheit, Autos. Was sie zu viel hatte: einen riesigen Polit-Apparat, Bevormundung, Stasi, Militär ... Ja, aber eines muss man der DDR doch lassen: Strikt antifaschistisch war sie! Es gibt dazu auch andere Meinungen, gestützt auf historische Wahrheiten, die immer unangenehm sind. Solche gab es am Sonnabend im Hoyerswerdaer Martin-Luther-King-Haus, in das die Initiative Pogrom91 eingeladen hatte: „22 Jahre nach dem Pogrom (die ausländerfeindlichen Ausschreitung in Hoyerswerda) – Wie konnte es dazu kommen?“ War etwa die DDR mit schuld?
Podiums-Diskutanten waren die Autorin Angelika Nguyen (* 1961 in der DDR) und der sich selbst leger als „linksradikalen Wissenschaftler“ bezeichnende Dr. Harry Waibel (* 1946 im „Westen“). Angelika Nguyen wartete mit differenziertem Blick auf ihr Leben in der DDR als Tochter eines vietnamesischen Arztes und einer deutschen Dolmetscherin auf. Einerseits habe sie, besonders im Kindesalter, schon unter ihrem „Anderssein“ zu leiden gehabt; andererseits hätten ihre Belästiger mit drastischen Strafen rechnen müssen. Am meisten gestört habe sie stets das „Angestarrt-werden“ – und dass sie bei offiziellen Veranstaltungen als Symbol des vietnamesischen Brudervolkes herhalten musste. Besonders das „Ho- Ho- Ho-Chi-Minh“ habe sie gehasst. Und die Lücke zwischen dem Anspruch der Völkerfreundschaft und dem tatsächlichen Umgang mit Liebesbeziehungen wie ihres Vaters und ihrer Mutter.
Das nahmen die 50 meist sehr jungen Gäste und ein paar der ü-60-Generation aus dem linken Lager bestätigend auf. Widerspruch regte sich aber, als Dr. Harry Waibel verortete, der postulierte Antifaschismus der DDR sei oft an gesellschaftlichen Realitäten vorbei gegangen. Wusste etwa wer (der Autor wusste es nicht), dass es in der DDR Pogrome gegen Ausländer gab? 20 Ermordete und 4 000 rassistische Vorfälle listet ein Stasi-Dossier DDR-zeits auf, 700 davon in den „bewaffneten Organen“. Eine späte Studie des Instituts für Jugendforschung Leipzig habe ergeben, dass das Weltbild der künftigen Erbauer des Kommunismus nach rechts rutschte. Freilich gelangte diese Studie nur bis zum Politbüro. Und das legte sie irritiert zur Seite.
Dass sich da eine Kontinuität zu Hoyerswerda 1991 ableiten, auch der staatsdoktrinäre DDR-Antifaschismus schuld sein könnte, bestritten die Älteren; „Mir ist ein staatlich verordneter Antifaschismus lieber als gar keiner!“ Mathias von Pogrom91 hielt dagegen: „Was hat dieser «Antifaschismus» den Betroffenen genutzt? Nichts!“
1991 war Hoyerswerda ein Brennspiegel unheilvoller Umstände: Fremde (Vertragsarbeiter | Asylbewerber) waren fremd geblieben, weil die DDR menschliche Kontakte abseits der Arbeit ungern sah. Eigene soziale Unsicherheit. Neid. Unguter Neu-Nationalismus nach der deutschen Einheit. Überforderte Eltern. „Rechtsfreier“ Raum, den verunsicherte Polizei nicht sofort klar zu besetzen wagte. Angst vor Fremdem, Neuem. Die (leider allen Epochen eigene) Suche nach am besten wehrlosen „Schuldigen“ für Missstände, mit denen man nicht hatte rechnen können oder wollen.
Das alles komplex aufzulisten, könnte helfen, nicht nur die Frage „Wie konnte es dazu kommen?“ zu beantworten, sondern, abseits unreflektierter Schuldfeststellung, vor allem: „Was tun, damit es nicht wieder geschieht?“. Diese Diskussion konnte (konnte!) nur Ansätze liefern. Das muss ja nicht so bleiben.

 

 

Kommentar "Zum Tage"

Die ganze Wahrheit
hat sehr viele Facetten

Uwe Jordan über Vergessen, Verdrängen, Relativieren

Oft genug wird die Initiative „Pogrom91“ ja gescholten. Da gebe ich auch gern mal ein Lob weiter. Ein Lob aus dem Munde von Angelika Nguyen am Ende der interessanten Diskussion im Hoyerswerdaer Martin-Luther-King-Haus „22 Jahre nach dem Pogrom 1991 – wie konnte es dazu kommen?“ (siehe links). Die Autorin und Filmemacherin zeigte sich beeindruckt, dass junge Leute „mit großer Hartnäckigkeit auch wohl gegen den Widerstand der Mehrheit der Bewohner“ nicht davon ablassen, das Erinnern an die beschämenden und des Entschuldigens werten Ereignisse von 1991 in dieser Stadt, eben Hoyerswerda, wachzuhalten.
Nach dem „offiziellen Teil“ hatte Mathias von der Initiative noch eine Idee: Man könnte, sollte, müsste im Hoyerswerdaer Museum eine ständige Ecke zu 1991 einrichten. – Wirklich keine schlechte Idee. Eine noch bessere würde es, wenn sich diese Ecke nicht nur auf den 17. bis 22. September 1991 und den von der Initiative in Hoyerswerda auch jetzt noch gewähnten Alltags-Rassismus/ Faschismus beschränken würde, sondern einbezöge, was Dr. Harry Waibel und Angelika Nguyen zum Thema „Woher“ und „Warum“ zu sagen haben und wissen.
Eine ausgezeichnete Idee wäre es, wenn die Schau auch auf dem linken Auge nicht blind wäre. Die ab 22. September 1991 aus ganz Deutschland nach Hoyerswerda getourten Autonomen haben sich damals nicht nur mit Ruhm bekleckert.
„Verdrängen, Vergessen, Relativieren“ – so, hatten Mathias und Toni angeklagt, gehe Hoyerswerda mit 1991 um. Dagegen darf man kämpfen. Aber dann bitte die ganze Wahrheit statt Verdrängen, Vergessen und Relativieren dessen, was auch zu 1991 und dem Rest gehört – bis heute.

 

HINTERGRUND ZU DEN EREIGNISSEN VON 1991

Aus dem Hoyerswerdaer Wochenblatt vom 24. September 1991 und dem Hoyerswerdaer Dienstagsblatt vom 1. Oktober 1991:

Gestützt vor allem auf die Polizeiberichte, war damals als erster Versuch eines Gesamtüberblicks zu lesen:

17.9.: „Menschenjagd vorm HBE (Lausitzhalle)“ – Ausschreitungen von Skins in der Nähe des Ausländerwohnheims auf der Albert-Schweitzer-Straße. Ausgangspunkt ... war eine wörtliche und tätliche Auseinandersetzung zwischen acht unter Alkoholeinfluß stehenden Skins und auf dem Lausitzer Platz befindlichen vietnamesischen Händlern ... – Die Polizei löst, behindert durch 15 aktive Skins und 25 andere Personen, die Situation auf. Daraufhin sammeln sich die Rechten am Ausländerwohnheim und beginnen Scheiben einzuwerfen. Einer Erstürmung des Hauses kommt Polizei zuvor. Gegen 22 Uhr ist Ruhe.
18.9.: Gegen 17 Uhr versammelten sich ca. 100 Personen aus dem Stadtgebiet von Hoyerswerda vor dem Wohnheim und riefen teilweise vereinzelt und später in Gruppen „Ausländer raus“. Es kommt zu tätlichen Auseinandersetzungen. Bis gegen 21 Uhr wächst die Menschenmenge auf 200 bis 250 Personen an. Dann entspannt sich die Situation, nachdem Polizeikräfte beruhigen.
19.9.: ADN meldet vom Tag: „Rund 600 Deutsche und etwa 200 Ausländer lieferten sich ... regelrechte Straßenschlachten.“ Gewaltbereite Deutsche griffen in den Abendstunden das Wohnheim mit Brandflaschen an. Die Ausländer setzten sich zur Wehr. Es gab Schwerverletzte auf beiden Seiten. „Der brutale Überfall hat 17 Verletzte gefordert. 49 Skins wurden vorläufig festgenommen.“
20.9.: Das Asylantenheim (Thomas-Müntzer-Straße) ist das neue Angriffsziel der Ausländer-Gegner. In der Schweitzer-Straße ist indessen endgültig Ruhe eingekehrt.
21.9.: Das Wohnheim Müntzerstraße ist abgeriegelt. „Die Polizei greift durch.“ – „Ganz gezielt geht sie gegen jene vor, die durch besonders provokantes Verhalten auffallen. Die Auseinandersetzungen dauern bis in die Nacht.
22.9.: Für den Sonntagnachmittag kündigen sich linke Gegendemonstranten aus Berlin an. „Schlacht der Auswärtigen“ – gewalttätige Auseinandersetzungen Linker und Rechter am Heim sind gegen 22.30 Uhr unterbunden.
29.9.: Eine Demonstration Autonomer zieht durch Hoyerswerda. Der Bundesgrenzschutz will eingreifen, aber Pfarrer Hoffmann vermittelt. Es bleibt großteils friedlich.
 Es sind dies nur Auszüge; die Berichte sind
 wesentlich umfangreicher und detaillierter.

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