Das Interesse an der Klassik lässt nach


von Tageblatt-Redaktion

Viele möchten ein Instrument spielen, aber nur wenige können es.

Frau Hanspach, an diesem Samstag werden beim Regionalwettbewerb „Jugend musiziert“ 114 Nachwuchsmusiker aus dem ostsächsischen Raum versuchen, auf Geige, Klavier oder Akkordeon vorzuführen, was sie in den vergangenen Jahren gelernt haben. Da dürfte die Aufregung bei den jungen Teilnehmern beträchtlich sein.
Natürlich. Obwohl man differenzieren muss. Denn bei den ganz Kleinen ist es so, dass die locker rausgehen und einfach drauflosspielen. Bei den Älteren, ich spreche von den Jugendlichen ab der vierten Klasse, ist die Nervösität schon da. Da ist dann die Tagesform entscheidend.

Weil Erwartungen an die Teilnehmer gestellt werden.
Ja. Die Jury erwartet ein gut vorbereitetes Programm. Außerdem hören sich die Wettbewerbsteilnehmer bei den Vorspielen zu, vergleichen dabei natürlich. Na, und die Familienmitglieder, die dabei sind, erwarten Höchstleistungen von ihrem Nachwuchs. Aber trösten auch, wenn es nicht ganz so gut geklappt hat.

Daher ist es auch wichtig, dass Musikschüler, statt im stillen Kämmerlein, vor Publikum spielen?
Unbedingt. Um sich zum einen daran zu gewöhnen, die Konzentration auf den Punkt zu bringen. Des Weiteren müssen sie lernen, souverän weiterzumachen, wenn man sich verspielt hat. Das macht jeder Künstler so. Sonst würden Jury und Zuschauer sofort bemerken, dass der Vortrag nicht sicher war.

Ist „Jugend musiziert“ ein Sprungbrett für eine musikalische Laufbahn?
Ja. Ein Beispiel wäre die Hoyerswerdaerin Samira Dietze. Sie ist jetzt in Dresden an der Spezialschule für Musik, wo sie eine professionelle und vertiefte musikalische Ausbildung erhält, um später auch Musik studieren zu können.

Was ist in diesem Jahr anders als in den vorherigen Jahren?
Die Kategorien. Die wechseln alle drei Jahre. So gibt es immer etwas Neues. Im vergangenen Jahr hatten wir beispielsweise Bläser und Gitarre solo. In diesem Jahr treten hingegen die Streichinstrumente und Pop-Gesang in den Solowettbewerb. Bläser musizieren in diesem Jahr im Duo gemeinsam mit Klavier und die Gitarren gehen im Ensemble in den Wettbewerb.

Seit 50 Jahren gibt es „Jugend musiziert“ schon. Was war früher anders, was hat sich verändert?
Ich begleite den Wettbewerb ja seit der Wende. Erst als Musiklehrerin, später als Leiterin der Musikschule. Die Leistungsansprüche sind auf jeden Fall höher geworden. Weil die Anforderungen gestiegen sind, erhalten unsere Wettbewerbsteilnehmer eine Leistungsstunde. Sie kommen also in den Genuss einer 45-minütigen Einzelunterrichtsstunde, die sonst nur 30 Minuten beträgt. In der Musikschule wird alljährlich neu entschieden, wer eine Leistungsstunde erhält. Derzeit sind es 30, die in den Genuss kommen. Im Allgemeinen kann man sagen, dass das Interesse an der Klassik bei den Heranwachsenden nachlässt.

Woran liegt das?
Das liegt sicher einerseits am Elternhaus, wo mitunter gar keine klassische Musik gehört wird. Wer täglich wenigstens eine Viertelstunde klassische Musik hört, der bringt seinen Körper ins Gleichgewicht, regt seine Kreativität an.. Und wenn man sich mit dieser Musik nicht beschäftigt, kennt man nicht die gesamte Palette der verschiedensten Instrumente, die alle erlernt werden könnten. Hinzu kommt, dass die Kinder in der heutigen Zeit durch die moderne Technik mehr abgelenkt sind, als dies früher der Fall war. Sicher, die allgemeine Entwicklung unseres Lebens spielt dabei eine ganz wichtige Rolle. Ich möchte Dinge wie ein Handy, einen PC oder ein iPad auch nicht missen. Aber man muss lernen, damit umzugehen, sich nicht davon abhängig zu machen. Und nicht zuletzt müssen die Grundsteine für den klassischen Erhalt im Musikunterricht der allgemeinbildenden Schulen gelegt werden.

Mit anderen Worten: Klassische Musik ist für Kinder in der heutigen Zeit nicht gerade en vogue, wenn ich das mal so sagen darf?
So kann man es ausdrücken. Trotzdem brauchen wir uns nicht beklagen. Es gibt zwar weniger Kinder als vor einigen Jahren in der Stadt, dennoch haben wir eine fast gleichbleibende Schülerzahl. Allerdings gibt es derzeit Trendinstrumente wie Gitarre oder Schlagzeug. Die Violine wird nach wie vor sehr gern erlernt. Cello und Kontrabass als weitere Streichinstrumente hingegen stehen hinten an. Bei den Blasinstrumenten erfreut sich das Saxofon großer Beliebtheit. Oboe bilden wir gar nicht aus, da kein Interesse. Auch bei Blechblasinstrumenten sieht es ähnlich aus. Dabei werden diese Instrumente in klassischen Orchestern und auch Bands dringend benötigt. Prinzipiell kann man mit jedem Instrument auch moderne Richtungen wie Swing, Pop und Filmhits erlernen.

Scheut so mancher auch den zeitlichen Aufwand, um ein Instrument zu erlernen?
Das kann schon sein. Man kann ja heutzutage Musikstücke auch mit wenig Aufwand am Computer erstellen. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich weiß nicht, wohin das noch einmal führen soll. Solch eine künstlich erstellte Musik wirkt vollkommen leer, uninspiriert, ist ohne jegliches Leben. Dabei ist Musik doch Gefühl, lebt von demjenigen, der sie spielt.

Wenn Sie nach vorne schauen: Wie wird sich „Jugend musiziert“ in einigen Jahren darstellen?
Es wird auf jeden Fall eine Weiterentwicklung geben. Vielleicht kommen noch Popbands dazu und vielleicht auch PC-Musik.

... da dürfte es dann laut werden ...
... das schon. Aber es kann auch interessant werden. Man muss es einfach auf sich zukommen lassen. Bedauerlich wäre es, wenn die Alte Musik herausfallen würde. Die ist sicher nicht jedermanns Geschmack, aber ich halte es für wichtig, dass diese Kategorie erhalten bleibt. Auf jeden Fall wird sich der Wettbewerb langfristig verändern. Das ist ja auch wie mit der Musik. Die lebt, weil sie sich ständig erneuert und verändert. So ist das mit „Jugend musiziert“ ebenfalls.
Gespräch. Rainer Könen

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